Zeitzeugenschaft ist nicht immer der Ausweg, den schulischen Geschichtsunterricht über die nähere Vergangenheit überzeugender zu gestalten. Denn wenig erstaunlicherweise unterscheiden sich die Perspektiven auf die Vergangenheit ebenso gründlich, wie Perspektiven auf die jeweilige Gegenwart. Anfang 2019 haben sich zwei Aktivisten der Initiative für eine Vereinigte Linke in der DDR auf dem Freien Radio Potsdam über diese sehr besondere linke Organisation unterhalten, Jobst und unser Freund und Autor Erhard Weinholz.
„Im Salatschatten” mit Jobst — zu Gast: Erhard Weinholz
Freies Radio Potsdam, Sendung vom 11. Februar 2019. Ein Gespräch über die Initiative für eine Vereinigte Linke (VL), ihre Gründung im Herbst 1989, ihre Arbeit in Volkskammer und Runden Tischen und ihr Auseinanderfallen nach 1990. Länge der Aufnahme: 59 Minuten.
Das Transkript folgt dem gesprochenen Wort; Füllwörter und Versprecher sind geglättet, Satzbau und Wortwahl sind es nicht. Zeitangaben beziehen sich auf die Tonaufnahme.
00:12 Jobst: Freies Radio Potsdam — in Potsdam 90,7, in Berlin 88,4 Megahertz. So, willkommen im Freien Radio Potsdam, im Salatschatten mit Jobst, der Sendung mit etwas weniger Musik und dafür mehr Worten, die sich auf die Welt richten, die etwas aus der Zukunft, aus der Gegenwart und aus der Vergangenheit beitragen wollen.
Und es gibt heute wieder im Salatschatten einen Live-Gast. Ich hoffe, dass ich das in der nächsten Zeit wieder öfter machen werde. Und über den heute Abend freue ich mich ganz besonders: Das ist Erich Weinholz — Entschuldigung, meine Güte, die Namen mit E …
02:27 Erhard Weinholz: Erhard.
Jobst: Erhard, Entschuldigung.
Erhard Weinholz: Es ist furchtbar. Erich hasse ich ganz besonders.
Jobst: Ja, ehrlich? Wir haben jetzt gerade einen fliegenden Wechsel hinter uns, das ist ein bisschen schwierig, mein Kopfhörerkabel ist zu kurz, ich muss meinen Hals um die Ecke recken, damit ich ans Mikrofon komme. — Nein: Erhard Weinholz hatte ich entdeckt auf einer Veranstaltung der Helle Panke. Da ging es um das Thema Vereinigte Linke. Wer weiß, was das ist? Hände hoch — niemand. Das war eine Gruppierung aus der Wendezeit, ich sage immer: die Zeit des großen Andersrum. Aber was es genau war, das werden wir noch eruieren. Du hattest diesen Anlass in der Helle Panke, über die Vereinigte Linke einen Abend zu machen — woher kam die Idee?
Erhard Weinholz: Ja, dazu — ich wollte erst mal danken, dass ich hier eingeladen bin. Ich habe nämlich, zwar nach Potsdam, ich wohne ja in Berlin, ich habe zum Land Brandenburg eine besonders enge Beziehung, weil ich geboren bin in Brandenburg an der Havel im Jahre 1949. Wenn ich mal dorthin fahre und dann am Horizont St. Katharinen, St. Gotthardt und den Dom sehe, dann kommen Heimatgefühle hoch.
Und trotzdem hat es auch damit zu tun, dass ich überhaupt das erste Mal von der VL gelesen habe — das heißt, genauer gesagt: von der Böhlener Plattform. Da wurde nämlich im Frühherbst 1989 in der Wochenzeitung „Die Kirche” von einer Veranstaltung berichtet, wo diverse neue Gruppierungen ihre Programme und Vorstellungen dem Publikum dargelegt haben. Und darunter war eben auch diese Böhlener Plattform. Die fand ich alle sehr gut. Der letzte Punkt war die Wiederherstellung der Länderstruktur — das kam mir natürlich als Heimatfreund sehr entgegen. Die VL war übrigens die erste Organisation, die das gemacht hat.
Ja, und diese Veranstaltung in der Helle Panke, das hing damit zusammen, dass ich 2013 einen Text verfasst hatte: „Unser linkes Ding — ein Rückblick auf die VL”. Bald darauf hat die VL sich ja aufgelöst; 2013 im Oktober war die letzte Mitgliederversammlung.
04:48 Erhard Weinholz: Und dann hatte ich die Idee, an dem Text noch weiterzuarbeiten, das zu integrieren und so weiter. Daraus ist dann intensive Arbeit nochmal in den letzten anderthalb Jahren geworden, an dieser Geschichte der VL. Ich muss aber sagen: Es ist keine Geschichte der VL, die dadurch entstanden ist. Die Geschichte der VL ist zum großen Teil eine Terra incognita, eine Landkarte mit vielen weißen Flecken, weil wir über die Entwicklungen vor Ort, also in den einzelnen Gruppierungen, ausgesprochen wenig wissen. Archivmaterial ist zum größten Teil untergegangen. Das heißt, da sind noch Schätze zu heben, und da ist noch Forschungsarbeit zu leisten — wenn es jemanden interessiert. Ja: wenn es jemanden interessiert.
Und hinzu kommt noch, dass ich viele Dinge im Grunde genommen nur vermuten kann. Warum zum Beispiel das Wahlergebnis so und so war, warum die VL diesen Weg und nicht jenen Weg genommen hat — das lässt sich im Nachhinein gar nicht mehr voll erschließen.
Erhard Weinholz: Forschungsarbeit — da kommt man noch auf ein spezielles Problem: Mit der Geschichte der VL haben sich bislang eigentlich fast nur VLer beschäftigt. Und ich glaube auch kaum, dass sich das noch groß ändern wird. Es gab ja mal Professor Abendroth, der hat diverse Studenten darauf angesetzt, linke Organisationen zu erforschen, darüber Doktorarbeiten zu schreiben. Ich glaube nicht, dass sich über die VL nochmal jemand findet, der darüber eine Doktorarbeit schreiben würde. Also, es ist eine ziemlich schwierige Kiste. Es lässt sich aber trotzdem allerlei sagen über diese Organisation.
Jobst: Wir reden so selbstverständlich von VL, so wie man im öffentlichen Gespräch über SPD oder CDU redet. Diese beiden Buchstaben VL — Vereinigte Linke — die waren in der sogenannten Wendezeit und den Jahren danach durchaus präsent, und die gesamte linke Welt kannte die. Es waren zwar relativ wenig Leute, aber die waren so aktiv und so verbal und interventionistisch drauf, dass alle eigentlich wussten, was das ist.
Erhard Weinholz: Ja, bin ich mir zwar nicht so ganz sicher. Auf alle Fälle war es vielleicht so für die Jahre 1989, 90. Man muss dazu sagen: Die VL war keine sehr große Organisation, selbst zu ihren besten Zeiten.
07:25 Erhard Weinholz: Ich muss vielleicht erst mal sagen, aus welcher Sicht ich die Sache darlege. Ich bin im Dezember 1989 zur VL gestoßen, mit etwas Verspätung, und war dann bis zuletzt dabei. Ich hatte noch Ende der 70er Jahre an der Akademie der Wissenschaften zwei der Hauptmacher der VL, später dann in Berlin, kennengelernt: nämlich Bernd Gehrke und Thomas Klein. Und Thomas Klein war ja unser einziger … Ach so, die flogen nacheinander, wir mussten alle gehen. Bernd flog raus wegen illegaler Untergrundtätigkeit, Thomas wurde verhaftet, saß anderthalb Jahre im Knast wegen angeblicher Westverbindung. Und ich hatte irgendwie so ein linienfernes Geschichtsbild, ich passte da auch nicht rein an unserem Institut.
Ich war dann einer der Mitarbeiter von Thomas Klein in der Volkskammer, zusammen mit Herbert Mißlitz — wir haben uns die Stelle geteilt.
Erhard Weinholz: Gleichzeitig waren wir beide auch die einzigen beiden Mitarbeiter im Arbeitssekretariat des DDR-Sprecherrates. Das kam aber erst so im Frühsommer 1990 in Gang, dieses Arbeitssekretariat, muss man dazu sagen. Dieses Arbeitssekretariat befand sich nachher im Haus der Demokratie. Dieses Haus der Demokratie und Menschenrechte, wie es heute heißt, kennt man aus der Greifswalder Straße, da sind die eingezogen. Damals war dieses Haus in der Friedrichstraße, in einem Prunkbau, einem Protzbau; da ist glaube ich heute ein Hotel drin, keine Ahnung. Da war mal ein großes Bierrestaurant drin, unten, und oben war alles Mögliche andere.
Ach so, was jetzt drin ist? Jetzt ist der Beamtenbund drin. Jedenfalls: an einer prädestinierten Stelle, direkt mitten in der Stadt, Friedrichstraße, ein großes Haus. Und da waren sämtliche — das hat man in allen Städten mehr oder weniger so gemacht — sämtliche sogenannten Oppositionsgruppen, und überhaupt alle Gruppierungen, die sich für oder gegen irgendwas engagiert hatten in der Wendezeit, denen hat man dort Räume zur Verfügung gestellt.
09:36 Jobst: Ja, das Haus war voll, da war Leben. Von unten bis oben war jeder Raum — zumindest was so Anfang 90 betrifft — jeder Raum mit irgendeiner Organisation belegt, und überall waren Pläne, und überall rannten Leute rum, und das war ein Leben, eine Diskussion, ein … ja, das war ein bewegter Moment in der Geschichte.
Erhard Weinholz: Genau. Wir waren sehr froh, dass wir diese Räume bekommen haben. Das war vorher die SED-Kreisleitung Mitte gewesen; anfangs saßen da unten noch die alten Pförtner, die wurden dann bald ausgetauscht. Denn alle neuen Organisationen hatten ein Raumproblem. Aber ich will jetzt vielleicht noch mal auf die Situation eingehen, die du angesprochen hast, schon ein bisschen im Herbst 1989.
Erhard Weinholz: Um den Hintergrund darzulegen, vor dem diese VL entstanden ist und natürlich auch die anderen Bürgerbewegungen. Die bekannteste war ja das Neue Forum und auch zum Beispiel die sozialdemokratische Partei.
Ich habe, wie gesagt, Jahrgang 49, ich habe am 6. Oktober Geburtstag, also einen Tag älter als die DDR. Und am Vormittag des 6. Oktober dachte ich, ich müsste für heute Abend noch ein bisschen Wein kaufen. Und da gab es in der Nähe vom S-Bahnhof Schönhauser Allee so einen Eckladen, wo es relativ günstigen gab, das war neben der Gethsemanekirche. Und da kam ich also vorbei und sah die Aktion. Ich war zu der Zeit ziemlich isoliert, zu Bernd Gehrke hatte ich ein bisschen Kontakt, zu Thomas nicht mehr. Das war die Fastenaktion von Angela Kunze, die da vieles in Gang gesetzt hat. Es wurde auch Geld gesammelt für die Verhafteten, die in Leipzig in den Knast gegangen waren, in Untersuchungshaft, die demonstriert hatten.
Erhard Weinholz: Und da wurde angeboten: Informationsandacht, abends 18 Uhr. Nur, am 6. konnte ich nicht hingehen, da bin ich am 7. hingegangen, hingefahren erst mal. Kirche war knackevoll. Man erfuhr, was in den anderen Orten in der DDR passiert, an oppositionellen Regungen und Demonstrationen et cetera pp.
Ich fuhr zum Alex. Da fand aus Anlass von 40 Jahren DDR ein Volksfest statt. Das war eine sonderbare Atmosphäre an diesem Abend. Am Alex formierte sich eine Demo, die wollte eigentlich in Richtung Palast, wo Erich und seine Leute ihr Ding abzogen. Die wurden aber abgedrängt. Ich ging dann erst mal auf den Platz rauf.
12:08 Erhard Weinholz: Und rund um die Weltzeituhr bildeten sich Diskussionsgruppen. Da standen immer so zwei, drei Leute in der Mitte, die redeten, und ein Dutzend Leute drumherum. Und was waren die Themen? Politbüroherrschaft weg, eine andere Medienpolitik, Mauer, Versorgungslage — muss sich endlich mal bessern. Das waren so Sachen, die da angesprochen wurden. Also, es brodelte in der DDR schon seit Längerem.
In Leipzig wurde ja schon eifrig demonstriert zu dieser Zeit; die richtigen Großdemos waren am 6. Oktober vielleicht noch nicht, aber es waren doch schon große Demonstrationen. Auch in Potsdam hat es übrigens am Abend des 7. Oktober die erste Demonstration gegeben. Ich habe einen Bericht darüber gelesen, den habe ich dann auch mal veröffentlicht in einer Zeitschrift.
Erhard Weinholz: Lustig war: Ich habe dann ein paar Nummern von der „Märkischen Volksstimme” bekommen aus diesen Tagen, da hieß es, das seien eigentlich gar keine richtigen Potsdamer gewesen — die Polizei hatte anhand der Autokennzeichen festgestellt, die kamen aus Magdeburg und sonst woher, die haben die braven Potsdamer verführt. Das war natürlich total …
Jobst: Die Demotouristen, wie man heute sagt.
Erhard Weinholz: Genau, die Demotouristen der DDR sozusagen.
Erhard Weinholz: Also: Die DDR, das herrschende System in der DDR, dieses politbürokratische System befand sich zu dem Zeitpunkt in einer tiefen Krise, in seiner finalen Krise. Man setzt den Beginn dieser finalen Krise immer an mit den Protesten gegen das Sputnik-Verbot im Dezember 1988. Der „Sputnik”, das war ein sowjetisches Digest, das sehr viel über Perestroika-Geschichten berichtete, und Erich Honecker hat das Ding einfach so kraft seiner Wassersuppe verboten. Da gab es dann viele, sehr vorsichtig formulierte, aber doch Proteste. Übrigens, das ging bis weit in die SED hinein, dieses Unbehagen, das muss man auch dazu sagen.
Weitere Stationen waren dann zum Beispiel die Wahlfälschungen, die aufgedeckt wurden, bei der Kommunalwahl im Mai. Dann gab es die ganzen Ausreiser und so weiter, das war ja auch eine sehr medienträchtige Sache. Das herrschende System strampelte nur noch ohnmächtig herum.
14:24 Erhard Weinholz: Ja, und dann stellte sich natürlich die Frage: Wie weiter? Und da bildeten sich dann eine ganze Reihe von neuen Organisationen, die entweder die Sache überhaupt nur diskutieren wollten, wie das Neue Forum. Das war ein Forum, also ein Diskussionsort sozusagen. Wobei man anfangs noch die Vorstellung hatte, erst mal mit den Herrschenden zu diskutieren; das hat man dann aber bald fallen lassen, also die sollten dann weg.
Dann andere Organisationen, die eben durchaus mit einem spezifischen Programm auftraten, und dazu gehörte eben auch die VL, die Initiative für eine Vereinigte Linke. Das war eine Organisation, die sich das Ziel gesetzt hatte, die DDR im Sinne eines freiheitlichen und demokratischen Sozialismus zu revolutionieren. „Vereinigte Linke”, das hieß aber zugleich auch, dass Linke unterschiedlicher Herkunft, politischer Orientierung — manche trotzkistisch, manche eher linkssozialdemokratisch und so weiter und so fort, oder rätekommunistisch — dass die alle in einer Organisation zusammenarbeiten können. Also dass es da nicht so eine verpflichtende Parteilinie gibt, sondern die Einheit der Organisation wird durch das gemeinsame Ziel hergestellt.
Daher eben auch die Organisation als Bürgerbewegung. Das war ja gleichzeitig auch gedacht als ein Vorbild dafür, wie der Staat funktionieren sollte: also mit wenig Hierarchie und mit viel Entscheidungsbefugnis immer für die Bürgerinnen und Bürger, mit viel direkter Demokratie und so weiter.
16:14 Jobst: Du hattest gesagt, dass die SED als die Kraft, die ja alle Fäden in der Hand gehalten hat, die Hegemonie verloren hatte, den Überblick verloren hatte, nicht mehr wusste, was sie machen soll, und keine Ideen mehr hatte. Leider war es aber auch so, dass durch die Verhältnisse in der DDR, wie sie sich dann so eingespielt hatten, auch sämtliche anderen Leute keine Ideen hatten. Und du sagst, die Gruppen haben sich da erst gefunden und haben angefangen, überhaupt mal die ersten Papiere zu schreiben und zu überlegen, was man da macht.
Das kam ja quasi auch alles von null an, und es gab überhaupt keine organisierte, kommunizierte Vorbereitung — dass man nach Alternativen guckt, dass man diskutiert, dass man die eine Strömung und die andere, und dann streiten die sich, argumentieren. Gab es ja alles vorher überhaupt gar nicht. Und man fing wirklich an wie die aufgescheuchten Hühner, plötzlich rumzurennen: Oh Gott, der Staat bricht zusammen. Das war ja irgendwie schon zu spüren. Und alle wollten plötzlich irgendwie ganz schnell irgendwas aus dem Boden stampfen, und das war alles ziemlich halbgegoren, was da von den Gruppen so vorgelegt wurde als Papier.
Erhard Weinholz: Das würde ich nicht so unbedingt sagen. Also erstens mal, ein Problem war: Man sagt zwar, dass die Sache am Zusammenbrechen war, aber wie lange das dauern würde? Es brach ja nicht von alleine zusammen. Die Frage war ja, in welchem Maße der gemeine DDR-Bürger sozusagen jetzt in Gang kommt, auf die Straße kommt und so weiter. Das war außerordentlich schwer abzusehen. Ich hatte noch im September gedacht, es würde vielleicht noch drei, vier Monate dauern oder so. Und es ging dann aber erheblich schneller.
Und andererseits: Es gab schon einen gewissen Vorlauf. Also, die sogenannte Böhlener Plattform ist ja im September 1989 sozusagen verabschiedet worden, auf einem Treffen, das allerdings nicht in Böhlen stattgefunden hat, sondern in der Nähe von Bautzen. Das genaue Datum ist übrigens auch nicht mehr feststellbar, von den fünf Beteiligten. Aber es hat ja schon vorher etliche Treffen gegeben, wo man die Sache schon mal diskutiert hatte. Und gerade zum Beispiel zu wirtschaftspolitischen Fragen, da waren ja auch Bernd zum Beispiel oder auch Thomas, die hatten sich mit solchen Dingen natürlich schon längerfristig beschäftigt. Also, es war schon eine Sache, die relativ zusammenhängend war.
18:32 Erhard Weinholz: Es ist ja übrigens gerade der VL immer mal wieder zum Vorwurf gemacht worden, sie sei mit einem richtigen, fixen und fertigen Programm angetreten, statt es erst mal noch lange zu diskutieren. Also, die eigentliche Frage war der Realitätsgehalt dieses Programms, würde ich mal sagen. Aus dieser Hoffnung heraus ist, glaube ich, auch die VL erst mal entstanden: die Hoffnung, dass mit dem Ende der Politbüroherrschaft ein anderer Sozialismus möglich wird. Also sozusagen so wie früher im Urchristentum, dass die Wiederkehr Christi nicht mehr weit ist — und dann verzögert sich es um Jahrtausende. Und so war die Hoffnung, dass jetzt endlich mal was anderes realisiert werden kann.
Es hat sich allerdings schon Anfang Dezember gezeigt, dass diese Hoffnung höchstwahrscheinlich vergebens war. Ich weiß noch, ich war am 10. Dezember zur ersten Vollversammlung. Ich erhielt von Thomas Klein ein Telegramm. — Ach so, es gab Ende November ein Arbeitstreffen der VL. Der Gründungsprozess zog sich ja über drei Etappen hin: Da gab es ein Treffen am 2. Oktober und dann eben dieses Treffen am 25. und 26. November. Ich hatte mich dazu angemeldet; ich hatte Thomas bei einer Veranstaltung getroffen, und er hat mich darauf aufmerksam gemacht. Aus irgendwelchen Gründen hat es nicht geklappt mit der Einladung.
Erhard Weinholz: Und ich hatte dann im ND gelesen, die Gründung sei misslungen. Und tatsächlich war es da ziemlich chaotisch zugegangen, muss man sagen — sowohl innerhalb der Leute, die die VL bilden wollten, als auch durch die Einmischung von West-Linken.
Jobst: Darüber wurde im ND berichtet, schon?
Erhard Weinholz: Ja, im ND, also derzeit schon im ND.
Jobst: Na gut, okay, Dezember, ja klar.
Erhard Weinholz: Ja, am 10. Dezember, denn also diese Vollversammlung — und da kam auch Rudolf Bahro vorbei bei uns, der gerade … Damals lief auch der Sonderparteitag der SED, die haben sich ja dann auf diesem Parteitag in PDS umbenannt. Und Bahro sagte auch: An irgendeiner Form von Einheit führt kein Weg vorbei.
Jobst: Das ist natürlich auch ein Ausfluss dieser sozialistischen Hoffnung.
Erhard Weinholz: Wir haben aber trotzdem an diesem Programm festgehalten. Ich denke, das war auch richtig.
Jobst: Natürlich, man kann es nicht einfach über Bord werfen, weil etwas jetzt wahrscheinlich objektiv nicht geht. Einfach was anderes wollen — das geht nicht wirklich.
21:06 Erhard Weinholz: Es ist zwar in der Politik nötig, in bestimmtem Maße immer wieder Kompromisse einzugehen, aber es gibt erst mal bestimmte Grundfragen, wo man keine Kompromisse machen kann. Und dann sollte man auch nicht schon mit dem Kompromiss in die Verhandlung gehen, sondern das, was man will, das muss man erst mal klar und deutlich darlegen.
Jobst: Das hätte übrigens auch die SED-PDS machen können, und da wäre vielleicht einiges im sogenannten Einigungsprozess dann vielleicht ein bisschen anders verlaufen, wenn die dort eine klare Position bezogen hätten und nicht andauernd quasi als der gleichgewordene Kompromiss dort rumgelaufen wären. Es war manchmal ziemlich traurig, was sie da veranstaltet haben.
Erhard Weinholz: Ja, das war ja dieses Modrow-Papier „Deutschland, einig Vaterland”.
Erhard Weinholz: Man muss im Übrigen noch sagen, dass im Frühherbst 1989 eigentlich keine der neuen Organisationen eine Übernahme des bundesrepublikanischen Gesellschaftsmodells wollte, jedenfalls verbal. Selbst die Sozialdemokraten wollten nur so einen demokratischen Sozialismus irgendwie. Und sogar die CDU, diese Blockflöten, die nachher Kohl in den Arsch gekrochen sind, die haben erst mal auch noch ein bisschen so von Sozialismus rumgeschwafelt und so weiter und so fort. Die meisten anderen Organisationen haben das allerdings relativ schnell abgelegt.
Es gab noch Sozialisten im Neuen Forum, hier speziell in Berlin, da gab es eine relativ starke Gruppe in dieser Richtung — während im Süden das Neue Forum eigentlich zum Teil ausgesprochen reaktionär war, muss man auch sagen. Und es gab auch innerhalb des Unabhängigen Frauenverbandes, der uns politisch überhaupt nahestand, auch eine Reihe von sozialistisch orientierten Kräften. Aber die VL war als Organisation die einzige, die ein sozialistisches Programm hatte von diesen Bürgerbewegungen.
Jobst: Der Name Thomas Klein ist schon ein paar Mal gefallen. Thomas Klein war unter anderem der einzige Abgeordnete [der VL] in der Volkskammer, von März 90 bis zum 3. Oktober 90, mit 0,15 Prozent der Stimmen und Überhangmandat. Da ist er noch mit reingerutscht.
Erhard Weinholz: Das war eine ganz knappe Sache. Es war ja ein reines Verhältniswahlrecht, es gab keine Fünf-Prozent-Hürde oder dergleichen. Es waren 400 Abgeordnete zu wählen, das heißt, man brauchte für einen Abgeordneten 0,25 Prozent. Die VL hatte 0,18 Prozent, das waren 20.000 Wählerstimmen. Und nachdem alle Mandate entsprechend der jeweiligen Stärke vergeben waren, war noch ein Mandat übrig geblieben, und das ging dann an die nächstschwächere Organisation, an die nächstkleinere — das waren dann eben die VL. Kurz hinter uns kam die Alternative Jugendliste, mit der wir auch viel zusammengearbeitet haben damals; die ging eben leer aus.
24:01 Erhard Weinholz: Es war allerdings so, wir hatten uns ja im Januar entschieden, an dieser Volkskammerwahl teilzunehmen. Es hatte den Vorteil, dass wir programmatisch mal zu Stuhle kommen mussten, mal erklären mussten, was wir unter einem freiheitlichen und demokratischen Sozialismus in der DDR eigentlich verstehen. In diesem Programm wurde im Übrigen auch deutlich, dass es nicht nur um Rechtsstaatlichkeit, um Freiheit, um Demokratie ging, sondern dass die VL auch auf vielen anderen Gebieten Veränderungen angestrebt hat: Es ging also um Ökologie, es ging um Geschlechtergleichheit, es ging zum Beispiel um die Frage, wie die Weltwirtschaftsordnung neu gestaltet werden kann und so weiter. Das waren alles Dinge, die auch in diesem Programm mit angesprochen wurden.
Es war aber gar nicht selbstverständlich, für mich jedenfalls, dass wir an dieser Volkskammerwahl überhaupt teilnahmen. Ich habe als einer der ganz wenigen in Berlin dagegen gestimmt. Und zwar deshalb: Die VL war ja, wie gesagt, eine relativ kleine Organisation.
Erhard Weinholz: In den besten Zeiten hatte sie ungefähr 30, vielleicht 35 Basisgruppen; vielleicht waren es 2.000 Mitglieder oder so ungefähr. Wobei überhaupt schwer zu ermitteln war, wer war Mitglied, wer war nicht Mitglied.
Jobst: Es wurde mal gesagt, dass es etwa 3.500 Leute gab, die sich in Listen irgendwo eingetragen haben.
Erhard Weinholz:Das waren zum Teil Leute, die sind zwei-, dreimal aufgetaucht und dann nie wieder. Das war eigentlich das Problem dabei.
Und dann saß die VL ja praktisch an allen Runden Tischen und in allen Arbeitsgruppen der Runden Tische. Ich habe mich gefragt: Haben wir nicht eigentlich was anderes zu tun? Es war ja so, dass die VL eigentlich in ihren ganzen Erklärungen, angefangen vom Oktober 1989 bis hin zum Dezember, zum Volkskongressaufruf, orientiert hat auf die Selbsttätigkeit der Bürger — dass die, sagen wir mal, Organe bilden, die in den jeweiligen Regionen, Gemeinden usw. entweder kontrollierend oder auch tatsächlich machtausübend tätig werden; dass in den Betrieben andere Verhältnisse geschaffen werden von der Arbeiterschaft selber. Und das war das, worauf wir orientiert haben.
Und es ist zwar nie so richtig deutlich gesagt worden, welche Rolle die VL in diesem Prozess spielen sollte — sollte es anleitend sein, unterstützend sein oder was weiß ich — aber eine Rolle sollte sie dabei spielen. Und ich denke, es wäre wichtig gewesen, wenn wir uns darauf stärker kapriziert hätten.
26:24 Erhard Weinholz: Das Problem war allerdings, dass das erst mal objektiv schwierig war, weil die Idee der Selbstorganisation in der Bevölkerung keine große Resonanz gefunden hat. Denen war es lieber, wenn jemand für sie als Sprecher auftrat, als dass sie sich selber organisieren und für ihre Sachen tätig werden.
Der relativ größte Erfolg, den wir in dieser Hinsicht noch gehabt haben: Anfang 1990 gab es hier eine Konferenz von Betriebsräteinitiativen und dergleichen, die von einer Betriebsgruppe der VL Berlin organisiert war. Da waren Vertreter aus ungefähr 70 Betrieben, das war noch eine relativ große Sache. Ansonsten konnten wir da tatsächlich wenig bekochen.
Das hing auch zum Teil damit zusammen, dass die sozialistische Organisation von vielen auch abgelehnt wurde: Das hieß, pass mal uff Alter, Weltrevolution machen wir später, jetzt ist erst mal was anderes dran und so weiter. Da wurde man dann so ein bisschen verarscht. Und zugleich fehlten uns auch die Machertypen, die Leute, die andere begeistern und mitreißen konnten, die organisieren konnten und so weiter. Wenn ich uns so angeschaut habe: Da waren junge, schüchterne Mädchen und irgendwelche Freaks und Außenseiter und höchst intellektuelle Figuren mit langen Bärten und was weiß ich nicht alles. Es waren nicht so diejenigen, die so richtig für die Arbeit mitten im Volk … Es gab natürlich ein paar in dieser Richtung.
28:19 Erhard Weinholz: Das war etwas, was — ich meine, das kann man alles lernen, solche organisatorischen Arbeiten. Also so im ersten Moment war es ausgesprochen schwierig. Insofern war es eigentlich für uns einfacher, an Wahlen teilzunehmen und an den Runden Tischen zu sitzen. An den Runden Tischen zu sitzen hatte außerdem noch den Vorteil, man hatte irgendwie das Gefühl, dass man was bewirken konnte.
Jobst:Die Wahlen hatten ja noch eine andere Bewandtnis: Es war ja gesagt damals, dass man pro Wählerstimme 5 Mark bekommt, ganz egal, wie viele Prozente man bekommt, ob man da reinkommt oder nicht, man kriegt die einfach. Und es gab dann noch irgendwie so eine andere Wahlkampfkostenunterstützung, die war ziemlich pauschal ausgeschrieben. Und in unserem Landesverband in Brandenburg, wie er später dann hieß, vorher Potsdam, da hatten wir tatsächlich 100.000 Mark. Und da konnte man schon ein bisschen was mit machen.
Jobst: Und ohne Geld kann man kein Büro, kein nichts — man ist da noch ziemlich erschossen. Da kann man Organisatoren haben ohne Ende, wenn man gar keine materielle Basis hat. Und die alten Eigentumsformen, die neuen — und da hängt man irgendwo dazwischen. Also das war schon eine große Spritze.
Und das hat die VL durchaus am Leben erhalten, das Geld. Das war dann irgendwann alle.
Erhard Weinholz: Da muss man dazu sagen: Alle neuen Organisationen haben eine Anschubfinanzierung vom Staat bekommen, und zwar 500.000 Mark. Ich bin mir gar nicht mal sicher, ob die VL tatsächlich eine Wahlkampfkostenrückerstattung bekommen hat. Ich habe mich nämlich an den Volkskammer- … praktisch den Verwaltungsdirektor gewandt, auch so eine Blockflöte, Niggemeier hieß der, der war zu DDR-Zeiten Mitglied des Präsidiums des Parteivorstandes und Sekretär für Agitation. Das war nachher der, der — weil wir es nicht rechtzeitig geschafft hatten, Thomas’ Büro leerzuräumen — das alles in den Müll werfen ließ.
Erhard Weinholz: Na ja, gut, okay. Also ich habe mich an den gewandt, und da sagte der: Das gilt jetzt für Organisationen ab 0,25 Prozent, also nicht für uns. Ob es stimmte, weiß ich auch nicht. Ich muss auch sagen, das ist mir überhaupt erst auf den letzten Drücker eingefallen, man war mit so vielen anderen Dingen beschäftigt.
Die Aufgabe des Arbeitssekretariats war es ja eigentlich nicht so in dem Sinne, ein Sekretariat des ZK oder was weiß ich — so wie der DDR-Sprecherrat ja auch kein Zentralkomitee war, sondern das war ein koordinierendes Gremium in der Hauptsache. Die Aufgabe war natürlich erst mal, da zu protokollieren und so weiter und so fort, die Sachen an die Basisgruppen zu versenden. Dann ging es auch darum, dass die Basisgruppen miteinander vernetzt wurden. Das haben wir allerdings nicht geschafft, das muss ich sagen. Das habe ich auch geschrieben: Ich wusste nicht mal genau, wer was wann wo macht.
31:09 Erhard Weinholz: Das hing allerdings auch damit zusammen, dass mein Kollege Herbert Mißlitz mit höchstgeheimen Aufgaben sich stets beschäftigte und in der DDR herumreiste und eigentlich fast nur noch ins Haus kam, um seine Benzinkosten abzurechnen — und ich da praktisch allein saß. Ich habe den ganzen Tag über telefoniert, ich weiß gar nicht mehr, was, zum allergrößten Teil. An die eigentlichen Aufgaben des Arbeitssekretariats sind wir gar nicht richtig rangekommen. Das ware iegtnlich schade, weil dadurch die einzelnen Gruppen, die inhaltlich gearbeitet haben, so ein bisschen im eigenen Saft geschmort haben, auch wenn sie es nicht selber verstanden haben, Kontakte herzustellen.
Jobst: Wenn junge Leute irgendwo hören, in der Schule oder in Fernsehdokus, von den Oppositionsbewegungen in der End-DDR, und dann die Geschichten hören, wie da gearbeitet werden musste — es gab ja auch kein Internet und so was, und es hatten ganz wenige Leute Telefon, also Kommunikation war schon recht schwierig — und was für verrückte Leute da überall rumsprangen, ja nicht nur in der VL: Dann wirft das, glaube ich, auf diese immer so ein bisschen als heroisch dargestellte Oppositionsbewegung vielleicht auch ein bisschen erhellendes Licht, wenn man die tatsächlichen Möglichkeiten, Arbeitsweisen und das Chaos, das da geherrscht hat, beleuchtet.
Erhard Weinholz: Ja, das war tatsächlich … Also, wir hatten ja keinerlei Erfahrung mit Organisationen, wir mussten überhaupt erst mal lernen, wie ein Büroalltag zu organisieren ist beispielsweise. Das war außerordentlich schwierig. Ich kann mich noch erinnern damals — ach so, ja, das war noch so, dass alle neuen Organisationen auch ein Funktelefon zur Verfügung gestellt bekommen hatten von der Bundesregierung. Das war für uns eine ganz große Hilfe gewesen. Ansonsten: Als Volkskammermitarbeiter saß ich in dem ehemaligen ZK-Gebäude, und von dort konnte man auch in den Westen telefonieren, da konnte man sich Leitungen freischalten lassen. Das war für uns eine große Hilfe. Formell saß das Arbeitssekretariat zwar im Haus der Demokratie, aber diesen ganzen Kram habe ich dann auf Kosten der Volkskammer erledigt. Wir konnten da kostenlos telefonieren, bis wir schwarz wurden.
33:16 Erhard Weinholz: Aber, wie gesagt, gerade dieses Organisatorische, das ist uns außerordentlich schwer gefallen. Man muss aber sagen, es gab natürlich sehr viele ernsthaft interessierte Leute, die bis zum Umfallen gearbeitet haben. Daneben gab es natürlich auch einzelne paar Spinner und durchgeknallte Typen, Hochstapler und so weiter und so fort. Aber ich muss sagen: relativ wenige eigentlich, wenn man mal bedenkt, wie wenig bestimmte Dinge damals auch kontrolliert werden konnten.
Also, es war zum Beispiel so, es gab einen Medienkontrollausschuss. Ich war gleichzeitig noch in der Mediengruppe der VL Berlin — eine zentrale Mediengruppe gab es ja nicht. Wir mussten dann Vertreter hindelegieren, haben einen Leipziger Professor gebeten, Professor Kleinwächter hieß der, glaube ich, sich der Sache anzunehmen. Und dann kam auf einmal ein Anruf von dem Medienkontrollausschuss: Sie brauchen jetzt, und zwar umgehend, eine Bestätigung von der VL, dass der Kleinwächter hier nominiert ist. Die nächste DDR-Sprecherratssitzung ist erst übernächstes Wochenende — was mache ich denn da? Da habe ich ein Schreiben aufgesetzt: „Professor Kleinwächter ist so und so”, gezeichnet: Dr. Erhard Weinholz, Leiter der Mediengruppe der VL Berlin, VL-Stempel drauf und abgegeben. Das wurde also akzeptiert. Das sind aber mehr so, sag ich mal, die Döntjes am Rande.
Erhard Weinholz: Wie gesagt, das hat sich dann relativ bald gezeigt, dass dieser Traum eines anderen Sozialismus nicht zu realisieren war. Dann hätte eigentlich eine Umorientierung der VL stattfinden müssen auf die neuen Verhältnisse, die uns dann ins Haus standen. Diese Umorientierung, die ist eigentlich nur sehr unzureichend gelungen, muss ich sagen. Das war sozusagen das zweite Scheitern der VL.
Und zugleich hat sie es auch nie geschafft, in größerem Maße alle die Kräfte zu bündeln, die einen anderen Sozialismus wollten als den, den wir vorher in der DDR hatten. Sie hat eigentlich nur einen relativ kleinen Teil davon erreicht. Ein beträchtlicher Teil ist entweder im Neuen Forum geblieben, wo man bedeutende Arbeitsmöglichkeiten hatte, oder innerhalb der SED-PDS. Die fanden es sinnvoller, die Partei umzukrempeln; wir hatten auch mit Gysi jemanden, der als ausgesprochener Reformer galt, an der Spitze, konnten im vertrauten Milieu arbeiten usw. Die VL hat ausgesprochen wenig erreicht.
35:54 Erhard Weinholz: Trotzdem hatte sie eine positive Bedeutung, denke ich. Das habe ich hier auch in meinem Vortrag mal zitiert, das hatte ich gelesen bei einer Hallenser PDSlerin. Ich habe mal so einen Text von ihr gelesen: Sie hat es im Herbst 1989 in der SED einfach nicht mehr ausgehalten und ist zur VL gegangen. Da hat sie eben eine Menge gelernt, wie Linke miteinander umgehen können, nämlich auf eine ganz neue Weise: hat zwar nicht immer geklappt, aber im Großen und Ganzen solidarisch, nicht denunziatorisch, nicht „ihr großer Vorsitzender, der XY, der weicht von der Linie ab” und so weiter und so fort. Weil es auch gar keinen großen Vorsitzenden gab — was manchmal auch ein Nachteil war, aber im Großen und Ganzen war es gut und richtig.
Also, ich denke, das war ein wichtiges Element, was die VL in die linke Bewegung einbringen konnte. Das war allerdings eine Sache, die ohnehin auf der Tagesordnung stand, muss man sagen. Denn die diktatorischen Strukturen, die innerhalb der sozialistischen Bewegung hier im Osten geherrscht hatten, die waren im Grunde genommen obsolet. Die wurden auch von einem beträchtlichen Teil der Mitglieder zu dieser Zeit auch schon abgelehnt. Die SED-Führung hatte ja noch im Sommer 1989 versucht, eine Parteisäuberung durchzuführen; damit ist sie eben auch gescheitert, am Widerstand der Mitglieder.
Jobst: Ich hatte das ja doch so empfunden, dass die PDS ihre Hegemonie verloren hatte, und die VL hatte ich so als einen Stern empfunden, der alle Reste jetzt sammelt — um die Leute, die eben mit dem Wort „links” irgendwas verbinden, was eben nicht Kapitalismus ist, was eben auch diese Frage auf den Tisch legt: Eigentumsverhältnisse. Was die anderen ja gar nicht gemacht haben, da ging es ja immer nur um die äußere Form, um Demokratie und dies und das und blabla, aber nicht um die ökonomische Grundlage der ganzen Geschichte. Und dass die irgendwo noch eine Basis braucht — und die PDS schien mir auch nicht der Ort zu sein, die schien mir eigentlich gar nicht mehr so richtig links zu dem Zeitpunkt. Und da war die VL natürlich ein kleiner, aber so ein Stern, wo man hätte so eine Sammlungsbewegung machen können, hätte das bessere Voraussetzungen gehabt.
Erhard Weinholz: Ja, das war so, die VL war natürlich eine Sammlungsbewegung, tatsächlich. Es waren wirklich sehr unterschiedliche Kräfte: Es waren christliche Sozialisten mit dabei, und es waren, wie gesagt, mehr trotzkistische. Es waren auch richtige Marxisten-Leninisten mit dabei, und es waren noch viele Sozialisten, die sich einfach nur als Sozialisten verstanden haben, aber eben als alternative Sozialisten. Aber sie hat es nicht geschafft, einen größeren Kreis von Leuten … denn ich denke, es werden wirklich mehr als 3.500 Menschen in der DDR in dieser Richtung gedacht haben.
38:57 Jobst: Na ja, ich kann mich erinnern an die Kongresse, die veranstaltet wurden — der eine ganz große in Dresden an der TU, wo ein Riesenkomplex an Hochschulgebäuden mit allen Seminarräumen belegt war. Überall gab es Veranstaltungen, große Hörsaalveranstaltungen, da passen ja 750 Leute rein in den großen Physikhörsaal. Und die waren ja alle aus der ganzen DDR angereist, die es da noch gab. Ich glaube, das war ’90 irgendwann.
Erhard Weinholz: Das war im Juni 1990, das war das zweite Arbeitstreffen der VL.
Jobst: Arbeitstreffen, stimmt, so hießen die.
Erhard Weinholz: Das wurde von vielen noch mal als Ermutigung verstanden. Aber eigentlich hätte dieses Arbeitstreffen jetzt eine Ausrichtung geben müssen auf: Wie verfahren wir? Es war ja abzusehen, dass die Einheit kommt — wie verfahren wir unter den kapitalistischen Verhältnissen jetzt weiter? Was sind da unsere Arbeitsfelder, unsere Ziele? Das Ziel war eigentlich klar, das Ziel braucht man nicht zu ändern, aber was sind jetzt unsere Arbeitsfelder? Wie können wir uns da organisieren, um da aktiv zu werden, um Einfluss zu erringen? Und das ist eben in einem unzureichenden Maße geschehen.
Erhard Weinholz: Die VL hat sich vielmehr im Sommer 1990 mit Wahlfragen beschäftigt. Und da stand ja die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl an, am 2. Dezember 1990. Dann war so die Frage, wie entscheidet sich denn die VL. Als eigenständige Organisation nochmal anzutreten, war völlig aussichtslos, ebenso im Verein mit irgendwelchen anderen kleinen Organisationen. Das hat es ja in Berlin gegeben, zur letzten Stadtverordnetenversammlung — das war im Mai 1990 die Wahl, da gab es die Alternative Linke Liste: Da war der Unabhängige Frauenverband, der DFD, die VL, die Alternative Jugendliste und die Nelken; die kamen zusammen auf 0,8 Prozent. Damit war kein Blumenstrauß zu gewinnen.
40:55 Erhard Weinholz: Ja, die einen plädierten dafür, dass wir uns mit den Bürgerbewegungen zusammenschließen im Bündnis ’90, andere plädierten dafür, dass wir uns mit auf die Linke Liste der PDS draufsetzen. Es gab keine Einigung. Für beide Optionen gab es ungefähr 40 Prozent. Es gab dann am 1. September 1990 eine Konferenz, die Wahlbeschlusskonferenz, 20 Prozent waren überhaupt gegen eine Wahlbeteiligung. Das wäre höchstwahrscheinlich auch das Sinnvollste gewesen. Bloß dann hätten wir uns natürlich auf unsere praktische Arbeit endlich mal konzentrieren müssen. Das haben wir nicht gemacht. Ich denke, dass diese Orientierung auf die Wahlen im Grunde genommen eine Fehlorientierung gewesen ist, im Nachhinein.
Jobst: Also ich habe die Märzwahl schon als einen Punkt empfunden, wo man nochmal ein bisschen …
Erhard Weinholz: Die Märzwahl war noch was, wo man nochmal Flagge zeigen konnte.
Jobst: Ja, war ein Event auch. Man war präsent, man war mitten in dem Leben, was ziemlich turbulent war. Wir hatten hier in Potsdam auf der Brandenburger Straße so einen Wahlkampfstand, und da standen die anderen auch alle mit drum rum. In dem ehemaligen Stasi-Haus waren die dann alle untergebracht, die ganzen Bürgerbewegungen.
Jobst: Von denen ist übrigens noch ein Rest verblieben — als einsamer Stern, glaube ich, von der ganzen Ex-DDR: die Partei Die Andere. Das ist aus, ich glaube, ARGUS und Teile von den Grünen sind da wohl mit untergekommen; ich glaube, von euch sind auch ein paar reingegangen. Und das ist eine, ja, die ist wirklich anders. Und die stellen sich auch so auf, dass sie eben wissen, was sie da machen im Parlament, dass sie sich da nichts von erhoffen, dass sie da jetzt die Welt mitregieren können, sondern: präsent sein, für Transparenz sorgen und Informationen, die sie aus dem Kreis haben, öffentlich machen. Also das ist vielleicht — ist jetzt nicht direkt VL, aber aus dem Umfeld dieser Zeit ist so ein Rest geblieben. Das ist gut.
Erhard Weinholz: Das ist gut. Das ist aber auch eine große Ausnahme, muss man sagen.
43:06 Erhard Weinholz: Die VL selber — also, Thomas Klein hat das auch nochmal in der Volkskammer gesagt, dass er erwartet, bei dem jetzigen Kurs der DDR-Regierung und der Bundesregierung, dass das Volk sozusagen nochmal auf die Straße geht. Aber das Volk ging erst mal nicht auf die Straße und hat auch in der Wahlkabine die neuen Herren nicht abgestraft, ganz im Gegenteil: Bei den Dezemberwahlen, also den Bundestagswahlen, hat die PDS, also die Linke Liste/PDS enorm verloren, und auch die SPD; die CDU hat zwar ein bisschen verloren, aber bei Weitem nicht in dem Maße.
Also, diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, und es fiel der VL eben auch schwer, ihre neuen Aufgaben zu definieren. Und die Folge war, dass es dann im Sommer 1990 schon losging, dass die VL im Grunde genommen auseinanderfiel. Die Gruppen kamen nur noch seltener zusammen oder überhaupt gar nicht mehr und lösten sich dann völlig auf. Ich weiß noch, wir in der VL Prenzlauer Berg, also in unserer Stadtbezirks-VL, wir saßen da und konnten einfach … was machen wir jetzt? Dabei hatten wir eigentlich große Themen direkt vor der Nase, nämlich Stadtsanierung, Mieten und so weiter und so fort. Aber davon waren wir wiederum überfordert.
Erhard Weinholz: Wir hätten mit anderen, ebenfalls im Zerfall befindlichen Stadtbezirksgruppen zusammenarbeiten müssen, wir hätten neue Arbeitsgruppen gründen müssen. Die VL war ja in Arbeitsgruppen organisiert — wie gesagt, ich war in der Mediengruppe zum Beispiel. Es gab aber mehrere inhaltlich arbeitende Gruppen; die waren eigentlich noch alle von ihrem Zuschnitt her sozusagen auf eine andere DDR orientiert. Und jetzt ging es aber darum: Was machen wir unter der Herrschaft des Kapitals? Da wären neue Zusammenschlüsse nötig gewesen. Das haben wir nicht gepackt.
Jobst: Wie viele Leute waren das hier in Berlin insgesamt?
Erhard Weinholz: Das war im Januar 1990: Da hatten wir im Kreiskulturhaus Peter Edel hier in Weißensee eine Versammlung, eine Mitgliederversammlung, da waren es vielleicht 200 Leute. Und da ging es im Übrigen auch um die Frage — wir hatten ja anfangs die Möglichkeit, ins Bündnis ’90 mit aufgenommen zu werden. Es hieß dann aber, dass auch die Sozialdemokraten ins Bündnis ’90 gehen würden, und mit denen wollten wir nicht in einer Organisation sein. So sind wir also aus dem Bündnis ’90, haben wir die Sache sozusagen gecancelt, wollten draußen bleiben. Es hat sich allerdings dann recht bald herausgestellt, dass die SDP, wie sie ja hieß, gar kein Interesse hatte am Bündnis ’90, sondern die vielmehr möglichst draußen halten wollte. Gut, okay — aber ich weiß nicht, ob wir innerhalb des Bündnisses ’90 ansonsten noch viel hätten bekochen können.
45:38 Jobst: Ja, aber ich kann mich erinnern, dass diese Überlegungen, wie man sich jetzt in den politischen Prozess einbringt, ob man da irgendwo noch mitspielt bei einer anderen Partei, dass das auch parallel im Neuen Forum genauso abgelaufen ist. Da sind wirklich dann ganz viele Leute reingegangen und haben gesagt: Ja, das ist ja vielleicht die Form, in der man miteinander kommunizieren kann, wo man Kommunikation, Entscheidungsprozesse überhaupt organisieren kann und quasi eine Gegenwelt schafft. Und dann gab es aber sofort, als die ersten Wahlen anrückten, die Forderung: Das muss eine Partei werden. Und da muss man ganz klar dagegen — nein, sagt eine andere: Da sollen alle mitreden, und um Gottes willen aber doch nicht die SED, die müssen alle raus.
Erhard Weinholz: Also, es gab ja damals die Vorstellung durchaus, dass die Bürgerbewegung die politische Organisationsform der Zukunft sei. Der Haupttheoretiker dessen, das war Jaroslav Langer — das war ein, glaube ich, ein bisschen mehr den Sozialdemokraten nahestehender tschechisch-deutscher Politikwissenschaftler, der nach dem Einmarsch in die ČSSR von Prag in die Bundesrepublik emigriert war. Und der hatte 1988 ein Buch veröffentlicht: „Die Grenzen der Herrschaft. Das Ende der Machthierarchien”. Und der hat also mal versucht, was Bürgerbewegung sein kann, auf den Punkt zu bringen, innerhalb der 80er Jahre; der war dann sozusagen der Vordenker.
Aber das hat sich nicht bewahrheitet: Die Bundesrepublik wollte an ihrem politischen System nichts ändern, die Bürgerbewegungen fielen also unter den Tisch. Und die Existierenden mussten sich entscheiden, ob sie sich entweder als Partei konstituieren oder — was die VL gemacht hat — als Verein. Das hat sie dann auch gemacht, war dann schon ein etwas geschrumpfter … vor allem 1991 in Halle, wo man ein entsprechendes neues Statut angenommen hat. Das war dann aber schon innerhalb eines Niedergangsprozesses.
47:59 Erhard Weinholz: 1992 oder 1993 — das ist gar nicht mehr genau festzustellen — tagte zum letzten Mal der DDR-Sprecherrat, das hieß dann Ländersprecher:innenrat. Ich selbst war Ende 1990 schon aus dem Arbeitssekretariat der VL ausgeschieden; das wollte ich sowieso bloß für ein Jahr machen, ich habe meine Aufgaben anderswo gesehen. Die Stelle ist dann noch ein Jahr weiter besetzt worden, danach nicht mehr.
Und allmählich wurde auch der Kontakt zwischen den einzelnen VL-Gruppen, die noch weiter existierten — das waren meistens die in den Bezirksstädten, also Halle, Leipzig, Berlin, Rostock, Dresden …
Jobst: Und Potsdam nicht zu vergessen.
Erhard Weinholz: Und Potsdam auch … Der Kontakt wurde allmählich lockerer. Es hat ja überhaupt nur ein einziges übergreifendes Projekt gegeben, das war die Volkskammerwahl. Es ist vielleicht nicht so schlimm, dass jede Gruppe ihr eigenes macht, aber es ist natürlich auch gut, wenn es zusammenhängende Projekte gibt, dass die Organisation sozusagen real einen Zusammenhang bildet.
Erhard Weinholz: Dann muss man sagen: Ein Internet gab es damals noch nicht, über das man hätte kommunizieren können.
Jobst: Aber ein Mailbox-System.
Erhard Weinholz: Ja, dieses Mailbox-System — da habe ich mich auch nochmal bei Gerhard Grosche und seinem Landesgeschäftsführer erkundigt: wurde wenig in Anspruch genommen. Das konnte als Diskussionsforum nicht … Das lag unter anderem daran: Du konntest dich nicht von zu Hause aus, von deinem PC — hatten ja dann schon manche, ich hatte auch meinen ersten 1994 — man konnte sich nicht von zu Hause aus einloggen in dieses System, sondern musste entweder zu dem Geschäftsführer oder ins Büro, wenn es da auch eins gab, um da Nachrichten einzuspeisen oder abzurufen. Das hat also nicht so sehr viel gebracht.
Die VL hatte ja auch mehrere kleinere Publikationsorgane: in Halle den „Subotnik”, hier dann in Berlin „VL”, und dann gab es noch in Erfurt „Die Klinke”. Die schmorten, denke ich, jede auch in ihrem eigenen Saft. Dass man als Berliner nach Halle einen Text gegeben hat, der dort veröffentlicht wurde — das habe ich mal gemacht, das war zum Beispiel eine ganz große Ausnahme. Also, jede Gruppe ging …
Jobst: Ich habe sie alle noch zu Hause, die ganzen „Subotniks”.
Erhard Weinholz: Ach, super! Das ist eine echte Rarität. Wir hatten wirklich Mühe, selbst ich — ich habe das ja zuletzt dann redigiert — alle Nummern des Infoblattes „VL”, die letzten Nummern zusammenzukriegen. Es waren 32 Nummern und eine Sondernummer.
50:35 Erhard Weinholz: Die VL Berlin hat dann praktisch 1997 ihre Arbeit endgültig eingestellt; 1996 erschien die letzte Nummer des Infoblattes. Es gab noch einen Ort, wo die VL in Berlin als VL wirklich Einfluss gehabt hat, das war das Haus der Demokratie.
Jobst: Ja, weil man da ein Büro hatte.
Erhard Weinholz: Ja, 1999 erfolgte der Umzug von der Friedrichstraße Ecke Behrensstraße in die Greifswalder Straße. Die Gruppe selber arbeitete zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr, wir haben das Büro aber noch eingerichtet. Dadurch hatten wir nämlich Sitz und Stimme in den Gremien des Hauses und hatten da einen beträchtlichen Einfluss. Aber die, die da als VL gearbeitet haben, die waren schon nicht mehr an unten arbeitende Gruppierungen angebunden.
Erhard Weinholz: Wir sind trotzdem noch immer wieder in Kontakt geblieben, bis heute. Zum Beispiel mein Vorgänger als VL-Redakteur, Henning Schossig — den habe ich vor, ist das auch schon wieder drei Jahre her … Da hatten wir bei uns in der Nähe, in der Winzstraße, ein Flüchtlingsheim, und da hatte ich mich gemeldet, um bei der Essenverteilung usw. zu helfen. Den traf ich da also am zweiten Weihnachtsfeiertag morgens als Helfer. Da habe ich mich gefreut, weil ich ihn lange nicht gesehen hatte. War ein schöner Anlass, sich da wiederzusehen.
Jobst Wen ich öfter treffe aus alten VL-Kreisen, das ist der Michael Mäde, der jetzt die Junge-Welt-Ladengalerie macht; der macht auch die Veranstaltungen, moderiert manchmal auch. Und das ist so ein Arm, der bis in die Gegenwart reicht.
Jobst: Und ein anderer — du hattest gesagt, die Publikation „Subotnik” aus Halle: Aus den Kreisen ist unter anderem auch unser Partnerradio in Halle, also einer der Vorreiter in der freien Radiowelt, Radio Corax, das auch hier fünf Stunden am Tag übertragen wird auf unseren Frequenzen. Die nehmen wir mit rein, das Morgenmagazin, das Mittagsmagazin. Und Radio Corax ist ein VL-kind, würde ich einfach mal sagen.
Erhard Weinholz: Das war Thomas Kupfer, der war da sehr maßgeblich vielleicht; der ist ja leider sehr früh gestorben.
Jobst: Ach, ehrlich?
Erhard Weinholz: Ja, der muss so ein verborgenes Herzleiden gehabt haben; der hat schon vor mehr als 10 oder 15 Jahren in der Badewanne einen Herzschlag gekriegt und war sofort tot. Das war ein unwahrscheinlicher, echter Verlust, weil es ein unwahrscheinlich sympathischer, kluger und so weiter Mensch war.
52:53 Jobst: Die Minuten rinnen uns jetzt durch die Finger. Wie geht denn die Arbeit weiter? Bleibst du dran? Sammelst du Informationen? Hast du ein kleines Archiv angelegt über die VL? —
Erhard Weinholz: Aber ich wollte mal sagen: Den Titel Nummer 7, ist das, glaube ich; den können wir noch zum Abspann bringen. Ich wollte noch sagen: Es gibt im Internet eine Webseite, die heißt „DDR 1989–90″, und da findet man sehr viel auch über die VL, und zwar Materialien aller Art: Sachen, die am Zentralen Runden Tisch eingegeben wurden, dann aber auch zum Beispiel Plakate, Flugzettel und so weiter und so fort. Wer sich nochmal mit dem Thema VL beschäftigen will: Das ist also eine echte Fundgrube sozusagen.
Jobst: Und ich denke, wir sollten das mal fortsetzen, vielleicht noch jemanden mit dazuladen. Es gab ja hier auch in Potsdam jemanden, ein Pastor, Björn Rogenstein, der das hier ins Leben gerufen hat; ich wollte den auch mal einladen ins Radio, und er sagte, das kann er ja seiner Gemeinde nicht vermitteln. Aber der war damals wirklich rührig. Und ich glaube, wir müssen jetzt ganz schnell noch irgendwas einlegen, und ich wollte jetzt einfach mal winke, winke und tschüss sagen und mich ganz doll bedanken bei dir, dass du hergekommen bist.
Erhard Weinholz: Danke.
Jobst: Und in dieser knappen Zeit, dass wir versucht haben, alles über die VL der Welt zu erzählen.
Erhard Weinholz: Ich sage mal noch einen Abschlusssatz. Das ist also die Erfahrung aus der Arbeit der VL: Wenn man Linke unterschiedlicher Couleur zusammenführen will, dann am besten durch wirklich reale Projekte — nicht durch Kongresse, durch Tagungen, durch Gekungel hier und da, sondern durch gemeinsames Arbeiten. Das ist vielleicht eine Erfahrung, die wir gemacht haben.
Jobst: Genau, wie auch hier im Potsdamer Freiland, im Freien Radio Potsdam, wo man sich einfach sammelt — egal, ob das Radio jemand hört oder nicht, aber man trifft sich und man organisiert was. Okay, danke Dir. Tschüss.