Ein Leserbrief: Erhard Weinholz zu „Vom heute zum morgen“

Lieber Sebastian,

„Vom heute zum morgen“ bietet viele wichtige Ideen, in vielem sprichst Du mir, wie man so sagt, aus der Seele. In „Das Schwierige, das schwer zu machen ist“ hatte ich damals (1994/95) geschrieben, dass „sozialistische Entwicklungen, dass die Bildung von Strategien und ihre Umsetzung nur als selbstbestimmter und folglich auch konfliktreicher Prozeß denkbar sind; als ein Prozeß, worin den Individuen kein ‚wahres’ Interesse vorgehalten“ werden kann. Und etwas weiter hinten, in Auseinandersetzung mit Gorz und Land, erst dann werde „Geschichte spannend, weil in ihr statt Charaktermasken die wirklichen Personen zu Akteuren werden.“ Ich bin mir inzwischen nur nicht mehr so sicher, ob die Charaktermasken tatsächlich völlig verschwinden können.
Das soll aber das einzige Selbstzitat bleiben. Gut finde ich auch, dass Du Deine eher theoretischen (oder allgemeineren) Überlegungen anknüpfst an den Umstand, dass man wieder über Alternativen spricht – so heißt es ja gleich im ersten Satz. Und auch die Überschrift gefällt mir. Allerdings werden „heute“ und „morgen“ dort substantivisch gebraucht, sind also groß zu schreiben (siehe auch „Vom Ich zum Wir“).
Dem Text stellst Du einen Satz Lothar Kühnes voran. Ich glaube, dass der nur den wenigen halbwegs verständlich ist, die sich mal mit Kühnes Gestaltungstheorie beschäftigt haben. Du gehst auf die mit diesem Satz verbundenen Absichten oder dgl. auch an keiner Stelle mehr ein. Man kann einen Text durchaus mit einem Rätsel beginnen, das macht die Leute vielleicht neugierig, aber hier scheint mir zu viel des Rätselhaften zu sein. Außerdem: Bei aller Wertschätzung von Kühnes Ideen hat diese Theorie für mein Empfinden eine … sagen wir mal: Neigung zum Objektivistisch-Technizistischen. Vor allem aber (das hängt mit diesem objektivistischen Charakter zusammen): Wie kommt er dazu, der Zukunft Vorschriften zu machen? Der Mensch wird so sein, wie er sein will und kann, manche werden sich vielleicht an Kühnes Vorstellungen der Weltgestaltung orientieren, andere überhaupt nicht. Das heißt, dass dieser Satz in seiner Dekrethaftigkeit für mein Empfinden dem widerspricht, was Du zum Thema „Vielfalt“ schreibst und insofern auch vom Inhalt her nicht als Vorspruch taugt.
Das nächste Problem: Ich hatte aufgrund der ersten Sätze, erwartet, dass Du zunächst mal einen Überblick gibst über die neuesten Vorstellungen von Alternativen zur jetzigen Ordnung – und natürlich eine Kritik ihrer Grundlagen. Doch davon finde ich wenig, mal abgesehen von dem zweifellos wichtigen Hinweis, dass die neuesten Kapitalismuskritiker gern die Eigentumsfrage aussparen. Statt dessen recht lange Ausführungen über das zuletzt erschienene Buch von Sarah Wagenknecht, die dieses Geschäft (der Kapitalismuskritik) ja wirklich nicht erst seit der letzten Finanzkrise betreibt, und einen langen Exkurs über Ludwig Erhard. Die Wagenknecht-Kritik hast Du zwar geschickt angebunden, aber von der Sache finde ich das trotzdem nicht überzeugend. Denn Du kommst im zweiten Teil ja nicht mehr auf sie zurück. Nun mag man sagen: Das musste aber erst einmal abgearbeitet werden. Mag sein – aber dann nicht in dem Umfang, sondern auf einer halben Seite höchstens. Und für den Erhard-Exkurs, der, vermute ich mal, ein Produkt Deiner jüngsten Forschungen zur deutschen Wirtschaftsgeschichte ist, hätte sich doch sicherlich auch ein anderer, besserer Veröffentlichungsanlaß gefunden. Denn den Platz, den Du für die beiden verbraucht hast, hättest Du meines Erachtens besser für die Überlegungen aufsparen sollen, die mit dem Satz beginnen:„Jede neue soziale Bewegung muß sich ihr Selbstverständnis, ihre Vorstellung von Zielen und Mitteln, ihre Praxis neu erarbeiten.“
Was ich Dir zu diesem Teil schreibe, ist weniger Widerspruch als vielmehr Versuch einer Ergänzung oder auch Aufforderung zur Weiterführung. Vier Themen vor allem sprichst Du an: Illusionismus, Selbsterkenntnis, Vielfalt, Selbstbestimmung. Die vier hängen, auf verschiedene Weise, miteinander zusammen – ich hatte überlegt, ob es nicht günstig gewesen wäre, diesen Zusammenhang ausdrücklich sichtbar zu machen. Aber vielleicht geht es auch so, man muß den Leserinnen und Lesern nicht alles vorkauen. Nötig scheinen mir aber Konkretisierungen zu sein und eine genauere Erörterung der jeweiligen Problematik, sozusagen eine Diskussion mit Dir selbst. Eben las ich in Karl Schefflers Erinnerungen: „Läßt er /der Autor/ den Leser an diesem Prozeß /der Gedankenentwicklung/ teilnehmen, so hat er ihn schon gewonnen, denn es wird dessen Schöpfungskraft damit in Tätigkeit gesetzt.“ Und darum sollte es ja gehen.
Illusion des Großen Neubeginns: Nach alledem, was Du an der Stelle und im Zusammenhang mit dem Thema „Selbsterkenntnis“ schreibst, könnte man meinen, das Problem sei durch guten Willen und Scharfsinn zu lösen. Das glaube ich aber nicht; da diese Illusion immer wieder aufgetreten ist, muß sie wohl objektive Voraussetzungen und eine entsprechende Funktion haben. Anders gesagt: Es wäre zu fragen gewesen, was denn objektiv für ein möglichst illusionsloses Vorgehen nötig wäre. Vielleicht ist es aus Platzmangel unterblieben? Mir scheint: Je beschissener die Lage, desto größer die Illusion. Aber sie ist dann auch notwendige Triebkraft. Wenn die russischen Arbeiter 1917/18 gewußt hätten, dass ihr Reallohn 1940 nicht so sehr viel über dem von 1913 liegen würde und ihnen außerdem, wenn sie mal eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit kommen, sechs Monate Straflager drohen, hätte sich mancher wohl gefragt, ob das den Aufwand lohnt. Und wie schon gesagt: Es wäre gut gewesen, wenn Du wenigstens ein konkretes Beispiel gebracht hättest, das eben auch diese Schwierigkeit, illusionslos zu handeln, verdeutlicht.
„Selbsterkenntnis, die kein Theoretiker von außen in die Bewegung hineintragen kann“: Was die zweite Satzhälfte betrifft – das ist schon richtig. Aber warum sollte ein Theoretiker überhaupt etwas von außen in eine Bewegung hineintragen wollen? Die Regel ist doch, dass er selbst Teil davon ist. Insofern kommt mir diese Feststellung nicht sonderlich belangvoll vor. Interessanter wäre es vielleicht zu fragen, welche Rolle der Theoretiker in der Bewegung spielen kann, ob er in seiner Sonderrolle nicht vielleicht eine problematische Figur ist.
Ansonsten gilt hier auch alles, was ich im vorigen Abschnitts geschrieben habe. Die Passage „Denn selbst wenn die Leute sich ein Ziel setzen … auf dem Weg zum Ziele gründlich verändert haben“ kommt mir einigermaßen kryptisch vor. Da hättest Du konkreter sagen sollen, um welche Leute, welche Ziele es hier geht. Oder ist das nur eine hypothetische Überlegung? Ein anderes Problem in dem Zusammenhang: Beim Bemühen um Selbsterkenntnis in dem von Dir benannten Sinne geht es (oder ging es wenigstens bis jetzt) immer auch um den Versuch, die eigene Rolle im Verlauf der Geschichte zu bestimmen. Zu fragen wäre, wieso eigentlich? Dient es nur der Legitimierung des eigenen Tuns? Außerdem ist es bis jetzt nie gelungen. Auch im Herbst 1989 nicht – das gilt selbst für die VL. Denn die Frage, ob es richtig sei, die herrschende Ordnung in der DDR zu stürzen, wo doch sicher war, dass dem die Kapitals folgt, ist meines Wissens innerhalb der Organisation nicht nur nicht beantwortet, sondern erst gar nicht gestellt worden. Daß das am Ergebnis nichts geändert hätte, ist eine andere Sache. Warum sollte eine solche Selbsterkenntnis denn gerade jetzt möglich geworden sein? Denn wohin die Geschichte geht (bzw. die Menschheit), ist nun einmal nicht absehbar, die eigene Rolle dabei also niemals zu erkennen; was wir tun, indem wir unseren Zielen folgen, wissen wir nicht und können wir auch nicht wissen, und das Höchstmögliche ist es, sich dies wenigstens einzugestehen. Dagegen ließe sich einwenden, dass sich doch zumindest ein paar Entwicklungstendenzen abgezeichnet haben, zu denen man sich ins Verhältnis setzen kann (was nicht heißt, dass man seine Ziele daraus ableiten sollte). Aber selbst da haben alle bisherigen progressiven Bewegungen sich arg geirrt, die Aufklärer von 1770 ebenso wie die Revolutionäre von 1917. Letztere sogar mehr als Erstere, scheint mir. Du bist auf diese Frage nicht eingegangen, ich weiß nicht, ob allein aus Platzmangel.
Vielfalt der Ideen, der Ziele: Du behandelst das nicht so ausführlich, aber doch mehrere Male. Das Thema bzw. Prinzip ist ja auch höchst wichtig. Wovon Du Dich dabei absetzt, hast Du nicht ausdrücklich gesagt, aber man kann es sich denken (hoffe ich jedenfalls). Allerdings gibt es auch da einiges zu erwägen, zum Beispiel: In manchen Situationen ist es ja nicht schlecht, wenn man einheitlich handelt, man erreicht vielleicht mehr (eine Binsenweisheit) – im Grunde lässt sich das sogar von ziemlich jeder Situation in Auseinandersetzungen mit einem grundsätzlichen Gegner sagen („Gerade jetzt, Genossinnen und Genossen, in dieser ganz besonders zugespitzten Situation der Klassenauseinandersetzung…“). Wo liegt der Fehler? Obendrein ist eine sozialistische Entwicklung meines Erachtens nur durch Übereinkunft einer sehr breiten Mehrheit möglich. Der Einheitskult der sozialistischen Bewegung (oder Bewegungen) war also – ich vermute, dass Du das auch so siehst – kein bloße Macke, sondern Antwort auf tatsächliche Schwierigkeiten. Mir scheint, diese Sachverhalte zu erwähnen könnte den Leserinnen und Lesern die Ausmaße des Problems doch besser vor Augen führen.
Außerdem hätte ich mir diese Überlegungen differenzierter gewünscht. Kein alter Stalinist wird etwas dagegen haben, wenn der Handel zehn verschiedene Schnapssorten anbietet. Bei anderen Dingen wird er darauf bestehen, dass es nur ein Ziel geben kann, nämlich das von der Partei vorgegebene, und dass nur ein Weg dahin führt, ein recht schmaler, zu dessen Seiten sich die Abgründe der Verworfenheit (in dem Falle des Klassenverrats) auftun. Das ist ja eine recht alte Vorstellung; wie ist sie eigentlich in die Welt gekommen? Ein lernendes Experimentieren ist jedenfalls nicht oder nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Wenn Du schreibst (ich komme hier noch mal auf das vorige Thema zurück), eine vernünftige Kritik der Ziele finde sich in der Selbsterkenntnis der Leute selber, dann ist das doch eine stark verkürzte Argumentation; auf die Rolle der Praxis gehst Du, wenn ich es richtig sehe, nur in der von mir als „kryptisch“ bezeichneten Stelle kurz ein. Man sollte nicht meinen: Aber die kennt doch jeder!
Eine stärkere Differenzierung hätte ich mir auch hinsichtlich des Subjekts der Vielfalt und auch der Selbstbestimmung gewünscht – Bewegung und Gesellschaft. Natürlich hängen die Verhältnisse in beiden miteinander zusammen, ist ja altbekannt; auch die Hoffnung, innerhalb einer nicht demokratisch organisierten Gesellschaft könne man wenigstens eine Parteidemokratie bewahren, hat sich als Irrtum erwiesen. Aber innerhalb der Gesellschaft steht man doch einer anderen Vielfalt gegenüber als innerhalb einer Bewegung.
Selbstbestimmung (Kontrolle der Sprecher): Hier habe ich, dies vorab, an einer Stelle den Zusammenhang nicht verstanden: „Die Bildung gesellschaftlichen Eigentums ist keine Option, die man als Sozialist auch abwählen kann.“ Stimmt, aber was hat das mit dem zuvor Gesagten und überhaupt mit dem Thema zu tun?
Die unterscheidest zwei Lösungsansätze und bringst gegen den von Dir als reformistisch bezeichneten den Umstand ins Spiel, dass die individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten recht unterschiedlich sind: „„Ihre Verteilung ist Ergebnis der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und ihrer Hierarchien.“ Zum einen aber ist, was das Individuum kann, doch nur zum Teil durch die Stellung in dieser Teilung und ihren Hierarchien bedingt, selbst wenn ich alle damit verbundenen kulturellen Eigenarten mit bedenke. Es gibt allem Anschein nach auch gewisse ursprüngliche Prägungen, oder etwas grob gesagt: Es wird wohl immer einen Haufen Leute geben, die bestimmte Dinge einfach nicht kapieren (wobei man natürlich noch fragen könnte, ob das wirklich die Dinge sind, auf die es in der Gesellschaft ankommt). Zum anderen benennst Du zwar dieses Faktum der ungleichen Verteilung – aber wie damit umzugehen sein könnte, dazu finde ich bei Dir nichts, nicht einmal eine Andeutung. So bleibt es dann bei Demokratie und Menschenrechten, die ja gewiß nicht zu verachten sind, aber eben doch nicht hinreichend.
Ein drittes Problem: Bestimmte Entscheidungen kann man höchstens als Fachmann kontrollieren. Zudem ist der Umfang des zu Kontrollierenden derart groß, dass einem wohl oft nichts anderes übrig bleibt, als dem Sprecher bzw. dem, der entscheidet, eine Generalvollmacht zu geben – sofern man der Meinung ist, er liege mit seinen Ansichten alles in allem richtig.
Lieber Sebastian, ich will nicht sagen, dass all das in Deinem Text hätte gesagt werden müssen. Das wäre bei gleichem Umfang selbst dann nicht gegangen, wenn Du an den von mir genannten Stellen entsprechend gekürzt hättest. Und es gibt sicherlich andere Dinge, die ich nicht berücksichtigt habe und die ebenso wichtig sind. Es wäre aber es gut gewesen wäre, wenn Du zumindest punktuell das Für und Wider der von Dir vertretenen Auffassungen berücksichtigt hättest. Eine neue Gesellschaft verlangt auch eine neue Art von Theorie – das Apodiktische wird aufgegeben und damit auch alles Priesterlich-Verkündende, das dem Theoretiker sonst noch anhing. Auch deshalb kann man meines Erachtens nicht mehr so ohne weiteres an Marx und Engels anknüpfen. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Berlin, im März 2013; viele Grüße von Erhard.

Zwischen Bluff und Verteidigung des Status Quo. Die sowjetische Politik und das sowjetische Militär 1961

Alte Lügen und aktuelle Analysen zur DDR und dem 13. August 1961. Teil 5

Nicht nur im Nachhinein und objektiv betrachtet war das militärische und weltpolitische Kräfteverhältnis während der zweiten Berlin-Krise sehr eindeutig. Zumindest eine der beiden Seiten wußte auch damals schon gut Bescheid. Anders als ihre eigenen öffentlichen Stellungnahmen glauben machen sollten, war sich die sowjetische Führung der US-amerikanischen Überlegenheit sehr wohl bewußt. Dem Präsidium des ZK der KPdSU, wie sich das Polibüro zwischen 1952 und 1964 nannte, insbesondere dem Ersten Sekretär Nikita S. Chruschtschow lagen entsprechende Berichte sowohl der sowjetischen Auslandsaufklärung wie der eigenen Militärführung vor, die stets aktuell gehalten wurden (Uhl 2008, zum Oktober1961 Uhl/Wagner 2003).

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs war die sowjetische Militärpolitik klar defensiv ausgerichtet. Es ging der Führung in Moskau um die Sicherung der bitter erkämpften Erfolge und um die Vermeidung eines neuen großen Konfliktes. Die ungeheuren menschlichen Verluste und die Notwendigkeiten des Wiederaufbaus führten zu einer umfassenden Demobilisierung: Von 11,3 Millionen Soldaten bei Kriegsende auf 2,9 Millionen Anfang 1948. Schrittweise wurden sowjetische Truppen aus einer Reihe von Ländern zurückgeführt. Betrug der Anteil der Militärausgaben am Staatshaushalt 1945 noch 43 Prozent, so waren es 1948 nur mehr knapp 18 Prozent (Uhl 2008, 9-39). Zum Vergleich: Die USA senkten den Personalbestand ihres Militärs von 1945 bis 1948 von 12 Millionen auf auf 1,5 Millionen Mann, die Militärausgaben sanken von 37,5 Prozent der BIP im Jahr 1945 auf 3,5 Prozent im Jahr 1948 (Tabelle 7.6. und 7.7. im offiziellen Green Book zum US-Militärhaushalt, sowie Gold 2005).

Beide Weltmächte verbanden allerdings die Verringerung der Stärke ihrer Streitkräfte mit einer umfangreichen Modernisierung ihrer Truppen. Das Material aufgelöster Einheiten wurde zur Verstärkung anderer Verbände eingesetzt. So stieg der Motorisierungsgrad der sowjetischen Truppen rasch an. Neue Waffentypen wurden entwickelt und eingeführt.

Gerade im Bereich der technisch besonders anspruchsvollen und wirtschaftlich aufwendigen Luft- und Seestreitkräfte konnte die Sowjetunion jedoch mit den USA nicht mithalten. Als 1946 eine selbständige Fernbomberflotte gebildet wurde, bestand ihre Ausrüstung ausschließlich aus veralteten, vor allem zweimotorigen Bombern des letzten Krieges. Die Berliner Luftbrücke 1948 war nicht nur eine politische, sondern auch eine militärische und wirtschaftliche Machtdemonstration. Und das sowjetische Flottenbauprogramm vom November 1945 verzichtete auf den Bau von Flugzeugträgern, womit dem weltweiten Agieren der US- und der Royal Navy nicht begegnet werden konnte.

Ein Zentrum der sowjetischen Anstrengungen bildete die Entwicklung eines eigenen Produktionskomplexes für Atomwaffen. Am 29. August 1949 teste die Sowjetunion ihren ersten Atomsprengsatz, am 18. Oktober 1951 führte sie den ersten Test einer Atombombe unter Einsatzbedingungen erfolgreich durch (Podvig 2001, Chap. 3). Der dabei eingesetzte Flugzeugtyp machte jedoch deutlich, wie weit die Sowjetunion noch von einer strategischen Atommacht entfernt war: Es handelte sich um eine Tupolew Tu-4, den sowjetischen Nachbau der US-amerikanischen B-29 Superfortress (Podvig 2001, Chap. 6).

Mit dem offenen Kalten Krieg nahmen ab 1948 auch die sowjetischen Rüstungen massiv zu. Schon 1949 zählten die sowjetischen Truppen wieder 3,9 Millionen, 1950 mehr als 4,3 Millionen Mann. Die Produktionszahlen von GOSPLAN weisen einen entsprechenden Anstieg, aber auch den Rückstand gegenüber den USA aus: Noch 1952 produzierte die Sowjetunion 368 Tu-4 – insgesamt wurden von 1948 bis 1953 von diesem Typ 1295 Flugzeuge hergestellt (diese und weitere Angaben zur Rüstungsproduktion bei Uhl 2008, 63). Zur gleichen Zeit waren die USA bereits dabei, die B-29 und die verbesserte B-50 zugunsten strahlgetriebener Langstreckenbomber auszumustern (Norris/Cochrane, Table 7).

So blieb die strategische Beschränkung der Sowjetunion auf die Defensive unangefochten. Weniges zeigt dies deutlicher als das Taktieren Stalins in der Koreakrise, als er zwar den Einsatz sowjetischer Truppen in China und Korea beschloß und seine Verbündeten zur Kriegführung ermunterte, aber einer offenen Konfrontation mit den USA bewußt auswich (Kathryn Weathersby: “Should We Fear This?” Stalin and the Danger of War with America.). Denn die durchaus vorhandene Stärke der konventionellen sowjetischen Truppen würde in einem solchen Konflikt nur eine geringe Rolle spielen. Der erste größere Kampfeinsatz sowjetischer Truppen nach dem zweiten Weltkrieg richtete sich im Herbst 1956 gegen den Aufstand in Ungarn, und fand damit innerhalb der Grenzen des 1944-1948 gebildeten sowjetischen Blocks statt. Auch nach dem Abschluß der „Wiederherstellungsperiode“ Mitte der fünfziger Jahre änderte sich an dieser defensiven Grundhaltung nichts.

Das heißt nicht, daß die Sowjetunion nicht auch außerhalb dieser Grenzen weltpolitisch auftrumpfen konnte: In der Suez-Krise setzten sie Frankreich und Großbritannien öffentlich unter Druck. Das Muster sollte sich in den folgenden Jahren wiederholen. Dabei spielte allerdings eine Rolle, daß angesichts der Unsicherheit der Westmächte über die sowjetischen Streitkräfte Chrustschow mit Waffen drohen konnte, die die Sowjetunion gar nicht besaß: Erst 1958 wurde mit der R-5 eine atomare Mittelstreckenrakete in das sowjetische Arsenal aufgenommen, erst mit der Stationierung dieser Waffen in Fürstenberg und Vogelsang auf dem Gebiet der DDR rückte im Frühjahr 1959 Großbritannien in Reichweite (Uhl/Ivkin, Operation Atom, CWIHP Bulletin 12/13, pp-299-307). Zur gleichen Zeit – Ende Juni 1959 – wurde in Feltwell/GB das erste Geschwader US-amerikanischer Thor Raketen einsatzbereit, die Moskau erreichen konnten. (Zur Raketentechnik beider Seiten vgl. http://www.peterhall.de/index.html.) Und während die USA bereits die Stationierung von taktischen Atomwaffen in Europa vornahmen, hatte selbst die am weitesten westlich stationiert Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland weder eigene Atomsprengköpfe noch entsprechende Raketen oder Flugzeuge.

Wohl bestätigten die ersten Tests der Voschod-Rakete ab Mai 1957 die Leistungsfähigkeit der sowjetischen Raketenentwicklung: Mit ihr wurden die ersten Sputniks in eine Erdumlaufbahn befördert. Nicht umsonst schrieben die Zeitungen weltweit von einem Schock für den Westen. Doch von erfolgreichen Testflügen bis zur Interkontinentalrakete R-7 war es ein weiter Weg. Noch heute sind Satellitenstarts alles andere als ein Alltagsgeschäft. Ende der fünfziger Jahre schloß die geringe Zielgenauigkeit – eine Abweichung von mehreren Kilometern – den Einsatz dieser Waffen gegen militärische Ziele aus. Die Flüssigraketen waren extrem schwerfällig und – wie heutige zivile Raktenstartanlagen – oberirdisch, d.h. durchaus verwundbar stationiert. Zudem waren sie nur schwer einsatzbereit zu machen: vor dem Start mußte die R-7 erst einmal mit flüssigem Sauerstoff betankt werden. Als im 17. Dezember 1959 die „Strategischen Raketentruppen“ als selbstständige Teilstreitkraft der sowjetischen Armee gebildet wurde, gehörten zu ihrer Bewaffnung nur Mittelstreckenraketen der Typen R-5 und R-12, zu denen im Januar 1960 einige wenige R-7 Startanlagen bei Baikonur und Plezetsk hinzukamen. Die erste sowjetische Interkontinentalrakete, die mit Treibstoff stationiert werden konnte, wurde erst im November 1961 in Dienst gestellt: die R-16 (Podvig 2001, Chap. 4). Die ersten Versuche mit nuklear bewaffneten, später auch nuklear angetriebenen U-Booten bildeten keine wirkliche Ergänzung. De facto bestand das sowjetische strategische Potential Ende der fünfziger Jahr in den noch nicht einmal 100 interkontinentalen Bombern der Typen M-4 und Tu-95.

Dessen ungeachtet begannen sowjetische Militärs schon in den frühen fünfziger Jahren, Elemente einer Theorie der Militärstrategie im Atomzeitalter eines gewinnbaren Raketenkernwaffenkrieges zu entwickeln. Und am Ende des Jahrzehnts wurden diese Elemente zu einer Vorstellung eines gewinnbaren Raketenkernwaffenkrieges zusammengefügt und – auch öffentlich – vertreten (Sokolowski 1966). Dabei kamen sie zu manchen Schlußfolgerungen, die sich von denen ihrer US-amerikanischen Gegenüber wenig unterschieden. Vor allem in einem Punkt gab es Übereinstimmung: Zentral sei der massive und gezielte Einsatz von Kernwaffen in der Anfangsperiode des Krieges. Und auf dieser Grundlage entwarfen die Militärs ihre Pläne für einen möglichen Krieg, den sie mit der breiten Einführung von Kernwaffen und Kernwaffenträgern in die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte und die ihrer Verbündeten gewinnen wollten. Deshalb enthalten auch sowjetische Dokumente die Möglichkeit eines „Erstschlages“ und eines „Begegnungsschlages“, bei dem die eigene Seite einem bevorstehenden feindlichen Angriff zuvorkommt: Der zweite schlägt zuerst.

Die wohl erste Kommandostabsübung auf der Grundlage eines allgemeinen Kernwaffeneinsatzes in Europa führte der Warschauer Vertrag unter dem Namen „Burja“ im Herbst 1961 durch. Und der Ausgangspunkt der Konfrontation mit der NATO war eindeutig bezeichnet: Der Konflikt um den Zugang der Westallierten nach Berlin. In wenigen Tagen, nach dem Einsatz von hunderten Atomwaffen in Westeuropa und einer breiten Offensive der gepanzerten Verbände sollte der Widerstand der NATO gebrochen sein (Uhl 2008, 165ff). Aber auch hier ist wichtig – und das fehlt in der hochinformativen Darstellung Matthias Uhls – was diese Planungen nicht waren: Sie sind keine Blaupause für eine sowjetische Eroberung Westeuropas, sondern von genau der verrückten Logik einer Verteidigung des Status Quo durch den Einsatz von Atomwaffen getragen, wie sie sich auch auf der Gegenseite findet (vgl. Veleff 2007).

Und weil sie von der gleichen verrückten Logik geprägt waren, blieben sie auch in der Sowjetunion nicht unwidersprochen. Mitten in der Krise um Berlin wandte sich am 1. August 1961 ein sowjetischer General, Konteradmiral Derewjanko, mit einer Reihe von Einwänden an Chruschtschow persönlich:

„Nur eine Kleinigkeit wäre interessant. Auf welchem Planeten glauben diese Leute in Zukunft zu leben und auf welche Erde denken sie Truppen zur Eroberung der Territorien zu senden. Wofür ist sie uns in diesem Zustand nütze? Können sie sich überhaupt das Chaos vorstellen, in das sie unsere Truppen werfen. […]
Ich kenne es nicht, aber ich vermute, das nächste strategische Ziel unserer Streitkräfte in der Anfangsperiode des Krieges wird die Besetzung der Territorien der Aggressorstaaten in der westeuropäischen Zentralrichtung durch einen schnellen Vorstoß und Angriff unserer Streitkräfte (vor allem von Luftlande und motorisierten Einheiten) mit dem raschen Erreichen der Atlantikküste sein. Was für ein begrenzter Mensch muß man sein, wenn man auf dem Weg unserer Truppen auf der gesamten Breite der Front radioaktiv Sperren und verseuchte Erde, Wasser und Luft schafft. Im Gegenteil, der Angriff wird sich totlaufen. Wir nehmen nicht nur Millionen verstrahlte Zivilisten in Kauf, sondern werden auch auf Jahrzehnte hinaus durch den unbedachten massiven Kernwaffeneinsatz auf einem kleinen und engen Territorium wie Westeuropa Millionen unserer eigenen Leute verstrahlen: Streitkräfte und Bevölkerung der sozialistischen Staaten und bei den vorherrschenden westlichen Winden auch unser Land bis zum Ural. […]
Wir müssen das triumphierende Denken überwinden, das sich mit der Macht unserer Atomraketen verbindet. Sie besitzen ihrer strategischen Möglichkeiten, können aber nicht die vielen Erscheinungen und Prozesse des modernen bewaffneten Kampfes entscheiden.“ (Uhl 2008, 174f)

Interessant ist, daß Derewjanko – wie auf der anderen Seite Daniel Ellsberg – seine Argumente nicht auf die fürchterlichen Waffenwirkung der Gegenseite, sondern auf die fürchterlichen Wirkungen der eigenen Atomwaffen stützte. Bereits auf dieser Grundlage war der Wahnwitz nur zu deutlich zu erkennen. Tatsächlich enthielten die Berichte über „Burja“ keinen Hinweis darauf, wie die strategischen Atomwaffen der USA bei einem Atomkrieg in Europa zur Geltung kommen würden. Sie kommen im Ansatz der Übung einfach nicht vor, obwohl die sowjetische Militärführung nicht nur über die großen Linien der US-Strategie informiert war.

Matthias Uhl berichtet, daß Chruschtschow den Brief Derewjankos ungelesen an den Verteidigungsminister und die Sekretäre des ZK weiterreichte. Die Empfänger werden vom Inhalt des Briefes wohl nicht überrascht worden sein. Zu keinem Zeitpunkt ist nachweisbar, daß die Sowjetunion einen allgemeinen Kernwaffenkrieg mit den USA zu riskieren bereit war. Sowohl den Verbündeten gegenüber wie in den internen Debatten betonte Chrustschow, die USA würden wegen Westberlins keinen Krieg wagen. Die militärischen Vorbereitungen zielten nicht darauf, einen Krieg zu führen, sondern Stärke zu demonstrieren (vgl.auch Uhl 2008, Kap. 3). Und als die sowjetische Führung im Juli ’61 in Wien und in den Berichten der sowjetischen Geheimdienste feststellen konnte, daß die USA ihren Zugang nach Westberlin mit allen Mitteln zu verteidigen entschlossen waren, blieb die Konsequenz nicht aus. Die vom DDR-Verkehrsminister Erwin Kramer entworfene Planung einer Abschließung Westberlins zu Lande wurde von der sowjetischen Führung Ende Juli ’61 bestätigt und mit dem nötigen militärischen Rückhalt versehen. Doch der von Heinz Keßler verantwortete Plan einer Durchsetzung der DDR-Souveränität in den Luftkorridoren fand keine Zustimmung: Mauer ja, Krieg nein. Als auf der Gipfelkonferenz der Warschauer-Pakt-Staaten Anfang August 1961 ie Grenzschließung beschlossen wurde, haben – wie das Protokoll ausweist – die führenden Politbürokraten nicht über einen bevorstehenden Atomkrieg diskutiert. Sie haben ausührlich über den Konflikt mit Albanien und die nötige Hilfe für die teuren Genossen in der DDR gesprochen, sollte der Westen mit einer Wirtschaftsblockade auf den Mauerbau reagieren (Bernd Bonwetsch/Alexej Filitow, Chrustschow und der Mauerbau. VfZ 2000/1, S. 155-198).

Zwar hielt sich die Sowjetunion die Option eines einseitigen Friedensvertrages mit der DDR noch bis in den Oktober offen und trug damit zur Fortsetzung der diplomatischen und militärischen Spannungen bei. Noch am 28. September hatte Chrustschow die ungeduldigen SED-Genossen mit dem Hinweis auf die gemeinsame Perspektive eines Friedensvertrages gebremst. Der Friedensvertrag werde auch die Frage des Luftverkehrs nach Westberlin klären. Zugleich warnte Chrustschow aber vor einer Zuspitzung der Situation an der Grenze (Hope M. Harrison: Ulbricht and the concrete „Rose“: New archival evidence on the dynamics of soviet-east german relations and the Berlin Crisis, 1958-1961, p. 131). Seine Erklärung auf dem KPdSU-Parteitag am 17. Oktober, die den Friedensvertrag wiederum – und diesmal endgültig – ins Unbestimmte hinausschob, sowie die Beilegung der Checkpoint Charlie Krise machte den Hoffnungen der DDR-Führung ein Ende. Als die Sowjetunion nicht mehr bluffen konnte, war das Spiel aus.

Was übrig blieb, war die Mauer. Am 30. Oktober 1961 klagte die SED-Führung um Walter Ulbricht unter Hinweis auf den ausgebliebenen Friedensvertrag weitere Hilfen für die SED-Wirtschaft ein (Hope M. Harrison: Ulbricht and the concrete „Rose“, pp. 132-139). Damit kam sie auf den schnöden materiellen Kern des Konfliktes um Westberlin zurück: den ausgebliebenen Erfolg dessen, was sie „Sozialismus“ nannten.

Teil 6: Stationen einer Enttäuschung. Die real-existierende DDR und der Sozialismus (demnächst)

Teil 1: Es geht ein Gespenst aus der Mitropa um/es spukt auf dem Friedhof der Träume

Teil 2: Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse am 13. August. Eine Legende und ihr Bild

Teil 3: Weltpolitik als Ausrede. Ein nicht ganz so neues Buch und seine nicht ganz so neuen Thesen

Teil 4: Das Gleichgewicht des Schreckens, Daniel Ellsberg und die Kriegsplanungen der USA


Literatur
(Gold 2005) David Gold: Does Military Spending Stimulate or Retard Economic Performance? Revisiting an Old Debate, New School University, International Affairs Working Paper 2005-01; Übersetzung in Lunapark21, Heft 1 und Heft 3, in Heft 1 allerdings mit falscher Grafik.

(Podvig 2001) Pavel Podvig (Hg.): Russian Strategic Nuclear Forces, Cambridge/London 2001

(Sokolowski 1966) Wassilij .D. Sokolowski: Die Militärstrategie, Berlin 1966 (Erstausgabe Moskau 1962)

(Uhl/Wagner 2003) Matthias Uhl/Armin Wagner: Ulbricht, Chrustschow und die Mauer. Eine Dokumentation, München 2003

(Uhl 2008) Matthias Uhl: Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962, München 2008

(Veleff, 2007) Peter Veleff: Angriffsziel Schweiz? Das operativ-strategische Denken im Warschauer Vertrag mit Auswirkungen auf die neutralen Staaten Schweiz und Österreich, 2007