Von Helfern umzingelt

Ein fragmentarischer Nachruf auf die historisch-literarische Zeitschrift Horch und Guck. Von Erhard Weinholz
I.
Man soll den Teufel nicht beim Namen nennen. Das galt auch für das Ministerium für Staatssicherheit: Konsum hieß es beim Volke, Memfis, Stasi natürlich oder zum Beispiel VEB Horch und Guck. Eben dieser Name wurde titelgebend für eine seit den frühen Neunzigern in Berlin und zuletzt noch einige Jahre in Leipzig erschienene Zeitschrift, im Folgenden kurz HuG genannt, die vor allem die Geschichte von Opposition und politischer Unterdrückung in der DDR zum Gegenstand hatte. Weitere Themenbereiche waren der gesellschaftliche Umbruch vom Herbst ’89, die Auflösung des MfS, der Umgang mit seinen Akten, die Unterstützung von Opfern politischer Repression … Manche sehen die Würdigung dieser Opfer als das Hauptziel der Aufarbeitung von DDR-Geschichte; das die HuG-Redaktion leitende Aufarbeitungsverständnis war erheblich breiter: Mehr noch als den Opfern widmete sie sich dem Handeln derer, die sich auf die eine oder andere Weise und mit vielfältigen konkreten Zielen für einen gesellschaftlichen Wandel in diesem Lande eingesetzt hatten. Auch spätere Aktionen im Sinne des Herbstes ‘89, wie ihn die Redaktion verstand, Aktionen, die sich nun gegen Entwicklungen in der Bundesrepublik richteten, wurden dokumentiert – so der Kampf um die Freie Heide und die Montagsdemonstrationen im Jahre 2004. Gerade die Einbeziehung solcher Themen, die gar nicht einmal viel Raum einnahmen, führte zu heftigen und langwierigen politisch motivierten Auseinandersetzungen um das Blatt, in denen die Redaktion zuletzt anderen Akteuren der Aufarbeitungsszene unterlag. Den wichtigsten Teil des Konfliktverlaufs will ich hier eingehender betrachten – es ist der erste Versuch dieser Art. Dass die zuletzt genannten Themen in HuG eine Rolle spielten, war im übrigen nicht etwa von einzelnen Redaktionsmitgliedern in langen Debatten durchgesetzt worden, es hatte sich gleichsam spontan aus einem gemeinsamen Verständnis der Geschehnisse vom Herbst ’89 ergeben, an denen sie selbst mitgewirkt hatten. Überhaupt hatte vieles von dem, was in HuG zur Sprache kam, mit ihrem Leben zu tun, und das war wohl einer der Gründe ihres beträchtlichen Engagements für dieses Blatt. Gut sechs Jahre, von 2001 bis 2007, war auch ich Mitglied der Redaktion, meiner Darstellung liegt also zumeist eigene Erfahrung zugrunde.
Ich sage im Folgenden oft Wir, wenn es um diese Redaktion geht, denn wir stimmten in vielem überein, und es war, so vermute ich jedenfalls, niemand unter uns, der die deutsche Einheit für die Krönung des 89er Herbstes hielt. Aber sie war, wie sich insbesondere in der Schlussphase der Auseinandersetzungen zeigte, kein monolithischer Block. Wie weit die Kritik der anderen Redaktionsmitglieder an den jetzt herrschenden Verhältnissen ging, was sie gesellschaftlich letztlich wollten, ist mir nie klar geworden. Doch kann ich mir einigermaßen sicher sein, dass ich der Linksaußen der Mannschaft war: Ich kam aus der Initiative für eine vereinigte Linke (VL), die aber damals fast nur noch auf dem Papier bestand. Im Herbst ’89 als Bürgerbewegung entstanden, hatte sie einen freiheitlichen, demokratischen Sozialismus erstrebt – das richtete sich gegen die Verhältnisse in Ost und West gleichermaßen. Ähnlich dachten zunächst überhaupt viele, die im Herbst 1989 aktiv wurden. Hier gab es Parallelen zur Themenwahl der HuG-Redaktion.
Gelernter Historiker war kaum einer von uns, der Charakter dieser historisch-literarischen Zeitschrift hat auch den der Redaktion bestimmt: Sie war angelegt als Organ einer Geschichtserkundung oder -aufarbeitung von unten, bei der diejenigen die Geschichte untersuchen, darstellen, werten, die sie gemacht haben. Die meisten Autoren stammten daher aus der DDR-Opposition und der Bürgerbewegung vom Herbst 89, hinzu kamen einige aus den sog. alten Bundesländern und aus Osteuropa, u. a. aus Polen und der Tschechischen Republik. Gerade unter den Ex-DDR-Autoren waren Historiker deutlich in der Minderzahl, viele waren allerdings fachfremde Akademiker, wirklich von unten meldete sich kaum jemand zu Wort. Genauer bestimmt, von der fachwissenschaftlichen Geschichtsarbeit abgegrenzt haben wir diesen Bereich der Aufarbeitung allerdings nie. Vor allem die Aufarbeitung von unten hatte die Redaktion im Blick, als sie in einem Grundsatzpapier vom Sommer 2006 HuG als Vorhaben definierte, das sich an den auf Selbstbestimmung zielenden Prinzipien der Bürgerbewegung des Herbstes ’89 orientiert. Als Sprachrohr des Ostens haben wir uns hingegen nicht verstanden, trotz des Übergewichts von Ost-Autorinnen und -autoren sowie mancher Kritik an der altbundesdeutschen Forschung, deren Vertretern es, so mein Eindruck, nicht selten schwerfiel, den Eigenarten der Verhältnisse im Realsozialismus der DDR gerecht zu werden. Denn auch die – nur im Osten betriebene – Aufarbeitung jenseits der Universitäten und sonstigen Forschungseinrichtungen ging, wie die erwähnten Konflikte um den Kurs von HuG zeigen, von sehr unterschiedlichen Vorstellungen aus.
Wichtig waren die auf Selbstbestimmung zielenden Prinzipien der Bürgerbewegung des 89er Herbstes, an denen wir uns orientierten, auch für die Redaktionsstruktur: Der hauptamtlich tätige Redakteur war oft nur für Teile des Heftes im Sinne des Presserechts verantwortlich, er war also nicht der Chef, die anderen – ehrenamtlich wirkenden – Redaktionsmitglieder waren ihm nicht untergeordnet. Angestellt wurde er vom Trägerverein, und das war bis zum Jahre 2013 das Bürgerkomitee „15. Januar“ e. V. zur Aufarbeitung der Stasivergangenheit – so der volle Name. Gegründet von Aktivisten der Stasiauflösung, hatte es seinen Sitz anfangs im Haus der Demokratie an der Friedrichstraße; bei Mitgliederversammlungen war der große Saal im Erdgeschoss dort restlos gefüllt. Doch das öffentliche Interesse an der Stasi-Thematik hat in den Jahren darauf stark nachgelassen: Seit der zweiten Hälfte der Neunziger war unser Blatt das einzige bedeutsame Projekt des Bürgerkomitees – wahrscheinlich, weil sein Themenbereich, wie schon gesagt, erheblich breiter war. Der vom Verein betriebene Klub Die Akte in der Seelower Straße mit seinen allwöchentlichen Veranstaltungen und die vielen ABM-Kräfte waren zu der Zeit schon Geschichte. Bürgerkomitee und Redaktion bezogen dann Räume im Haus 1 in der Normannenstraße, zwei oder drei Etagen über Mielkes einstigem Ministerbüro.
HuG ist die meiste Zeit vierteljährlich im Umfang von etwa achtzig Seiten A4 erschienen; die Hälfte davon war den teils kürzeren, teils umfänglicheren Beiträgen zum Hauptthema vorbehalten. Typisch für das Blatt war die Textvielfalt: Wir brachten Aufsätze und Gespräche, Erinnerungen, Glossen, Rezensionen und im Feuilleton Lyrik und literarische Prosa. Die Sachtexte sollte kenntnisreich und gemeinverständlich zugleich sein, Wissenschaftsjargon war unerwünscht. Der Ton einer fröhlichen Neugierde herrsche in HuG vor – so der Autor Rolf Schneider im Dezember 2002 in der Berliner Morgenpost. Anders gesagt: Mit Schaum vor dem Mund zu reden, da waren wir uns einig, war nicht unsere Sache. Wir hatten Verständnis dafür, dass manche es taten, doch in unserer Arbeit sollte auch Witz zu spüren sein. So kam zum Beispiel auf der letzten, der Impressumseite rechts oben immer irgendeine erfreuliche Kleinigkeit, in Heft 4/2006 etwa eine Zeichnung von Oskar Manigk: Den Weihnachtsmann in seinem Lauf hält weder Ochs‘ noch Esel auf. Oft konnten wir auf Funde zurückgreifen: So hatte das Tschechische Kulturzentrum in Berlin (Ost) nach 1990 Nummern der legendären listy aus der Zeit um 1970 ausgemustert, deren Polit-Vignetten für HuG bestens geeignet waren. Überhaupt war die Zeitschrift reich illustriert, allerdings schwarz-weiss; farbig war allein das Umschlagpapier. Werner Kiontke hatte sich als gelernter Kunsthistoriker gerade um diesen Bereich ausgiebig gekümmert.
Mit HuG wollten wir vor allem Menschen ansprechen, die sich für Freiheit und Achtung der Menschenwürde einsetzten. Wenn darunter auch Historiker waren – umso besser. In den Jahren 2000, 2001, 2002 hatten wir gut vierhundert Abonnenten; alljährlich gingen uns einige verloren, manche waren gestorben, andere interessierte das Thema nicht mehr, noch andere mussten stärker sparen. Eine Kündigung aus politischen Gründen habe ich nur ein einziges Mal erlebt. Der Werbeetat war gering, dennoch gelang es bis 2006, die Abonnentenzahl zu halten und zuletzt noch zu steigern. Erreicht haben wir vermutlich vor allem ein akademisches Publikum, teils direkt, teils über abonnierende Institutionen. Wie groß der Einfluss von HuG auf die Meinungsbildung war, ist schwer abzuschätzen; ich vermute, dass wir vielen zunächst als Produkt des Laienfleißes galten. Bezeichnend ist immerhin: Aus der Ost-Berliner Zahnarztpraxis Etzoldt, Seidel, Wintgen, politisch Opponierenden wohlbekannt und auch von mir seit den späten achtziger Jahren immer wieder aufgesucht, war das aktuelle HuG-Heft, das als Lesestoff für Wartende auslag, stets nach wenigen Tagen schon verschwunden.
HuG unterschied sich mehr als ein Jahrzehnt, bis zum Jahre 2007, teils in seinem Charakter, teils in der Qualität, der Aufmachung oder der Themenbreite deutlich von anderen Blättern zur Aufarbeitung von DDR-Geschichte. Die Jenenser Gerbergasse, in der bürgerbewegten Herkunft uns verwandt, brachte manchen Text, den ich erst nach gründlicher Überarbeitung veröffentlicht hätte, pflegte mitunter auch eine eher konservativ-propagandistische Tonart und dokumentierte, wenn ich es richtig sehe, ebenso wie das wissenschaftsorientierte, breiter angelegte Deutschland-Archiv keine Auseinandersetzungen, in denen sich frühere Konflikte im Osten fortsetzten. Es gab, um dies noch zu erwähnen, in beiden auch kein literarisches Feuilleton.
Ich versuche im Folgenden keine Gesamtdarstellung der Geschichte des Blattes und auch keine Generalkritik des Umgangs mit der DDR-Geschichte. Im Mittelpunkt stehen vielmehr, wie schon eingangs erwähnt, Konflikte, die die Redaktion in den Jahren 2005 bis 2007 auszutragen hatte, zunächst vor allem mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, später, 2006, auch mit mehreren Mitgliedern des Beirats unseres Blattes, zuletzt, 2007, in erster Linie mit dem überwiegenden Teil der Mitglieder des Trägervereins und weiteren Aktiven dieser Aufarbeitung. Der Verlauf, die Inhalte und Gründe dieser Konflikte verdeutlichen allerdings, so scheint mir, einige Probleme dieser Aufarbeitung; nicht zuletzt wurde dabei manches vom Charakter der Stiftung Aufarbeitung sichtbar. Vorsitzender des Stiftungsvorstandes war zu jener Konfliktzeit Rainer Eppelmann (CDU), dem Stiftungsrat stand Markus Meckel (SPD) vor, beide amtieren noch heute. Direkten Kontakt hatte ich aber nur mit Referent Grünbaum und der Geschäftsführerin Anne Kaminsky. Angaben zu den meisten handelnden Personen finden sich im Register gleich nach dem Text.
Gegründet wurde die Stiftung Aufarbeitung 1998 im Anschluss an die Arbeit einer Enquete- Kommission des Bundestages; sie ist eine unselbständige Stiftung, wird also vom Staat finanziert und soll dazu dienen, die Aufklärung über die kommunistische Gewaltherrschaft speziell in der DDR zu fördern (mehr dazu in den Kapiteln XI. und XII.). Das heißt zugleich: Sie hat beizutragen zur Legitimierung des herrschenden Systems, speziell der bürgerlichen Demokratie, einer Demokratie unter den Bedingungen einer kapitalbeherrschten Wirtschaft, und abzuschrecken von jeglichen sozialistischen Ideen. Hier sahen die Verantwortlichen zu jener Zeit, wie es scheint, erheblichen Handlungsbedarf. Zwar erschien die DDR in der damaligen Aufarbeitung, dem Stiftungszweck entsprechend, fast durchgängig als Land, in dem nur Repression und Misswirtschaft regiert haben und das in Kultur und Wirtschaft nichts als Schrott hinterlassen hat; die DDR, das waren, kurz gesagt, vierzig verlorene Jahre. Zudem wurden in der Rede von den zwei Diktaturen DDR und Naziregime weitgehend gleichgesetzt – im Westen erprobte Muster der Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit wirkten hier zusammen mit Ideen der Totalitarismustheorie. Andreas Schönfelder, auf vielerlei Weise hierzulande einst oppositionell aktiv, meinte dann auch in Der Stacheldraht 7/2002, wir hätten auf alle heute unumstrittenen Werte, wie Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Vielfalt usw., bestenfalls eine Gefängnissicht gehabt. Man könnte denken, die breite Masse, von der doch ein beträchtlicher Teil im Herbst 1989 gegen dieses System auf die Straße gegangen ist, würde diese Sicht teilen, aber das war nicht – oder nicht in gewünschtem Maße – der Fall. Vielleicht spielte hier ein gewisser Stolz auf das eigene Leben, die eigene Leistung mit, aber auch etwas, das ich als Abwehr des Fremden bezeichnen würde. Das wiederum hatte auf der Gegenseite neben einem gewissen Strategiewechsel (Ja, ist ja gut, auch in der DDR konnte man leben, lieben, feiern …) eine Verstärkung bisheriger Bemühungen zur Folge. Hier sollte die Stiftung, so vermute ich, Reserven mobilisieren, nicht zuletzt die Kräfte der aus der 89er Bürgerbewegung hervorgegangenen Aufarbeitungsszene. Die Initiativen aus diesem Bereich hatten jedoch, nachdem ab Mitte der neunziger Jahre kaum noch ABM-Stellen nebst den dazugehörigen Zuwendungen für Sachmittel bewilligt wurden, mangels Eigeneinnahmen Mühe, sich über Wasser zu halten. Sie zu finanzieren wurde zu einer Hauptaufgabe der Stiftung, sie wurde rasch zu ihrem wichtigsten Geldgeber, auch für HuG. Der Absatz der Hefte deckte damals, um das Jahr 2000, kaum mehr als 15% der Ausgaben, der Rest wurde von ihr zugeschossen – oder auch nicht. Größter Posten war das Gehalt des Redakteurs, den man dank ihrer Hilfe hatte anstellen können. Für Honorare wurde dagegen wenig bewilligt, manchmal haben wir zwanzig Euro in Briefmarken draufgelegt.
Die Arbeit der Stiftung in diesen ersten Jahren wird unterschiedlich bewertet – man sei anfangs sehr großzügig verfahren, heißt es von einer Seite, die andere spricht von schweren Fehlern; ich lasse das auf sich beruhen. Auf alle Fälle waren wir nicht die einzigen, die mit ihr gestritten haben, wohl aber insofern ein Ausnahmefall, als der Streit politischer Natur war. Eben dieser Problematik widmet sich Markus Goldbeck in seinem 2014 im Jahrbuch für historische Kommunismusforschung erschienen Aufsatz Die Ambivalenz staatlicher Förderung. Stellt der Staat, so heißt es dort, Geld zur Aufarbeitung bereit, dann kann er auch Vergabekriterien festlegen – darin liegt, intendiert oder nicht, erheblich normierendes Potential. HuG hat die Normen anscheinend verletzt und musste daher diszipliniert werden; wichtigstes Mittel solcher Disziplinierung waren die mit Auflagen verbundenen Bewilligungsbescheide oder – im äußersten Falle – die Ablehnung der Förderung. Die stets Mitte Dezember eintreffenden Bescheide wurden so zu Wegmarken der Konfliktgeschichte und spielen hier auch eine besondere Rolle.
Wir hätten die Stiftung ärgern wollen, hatte 2007 der damalige Vereinsvorsitzende Joachim de Haas mir gegenüber geäußert … wir hatten ja sonst nichts weiter zu tun … Tatsächlich ergaben sich die Konflikte spontan, indem wir unserem Verständnis von Aufarbeitung gefolgt sind; die meisten Akteure in dem Bereich folgten hingegen mehr oder minder und ebenso spontan der Linie des Geldgebers. Hinter den – noch genauer zu benennenden – Differenzen im Verständnis der Aufarbeitung von DDR-Geschichte standen Unterschiede, meist sogar Gegensätze in der Sicht auf die derzeit herrschende Ordnung, auf das gesellschaftlich hier und heute zu Leistende. Diese Unterschiede kamen nicht von ungefähr: Sie hatten zu tun mit dem spätestens im Herbst ’89 einsetzenden Gesinnungswandel eines großen Teils jener Bewegung, die in den Jahren zuvor gegen die Verhältnisse im Lande, gegen den hiesigen Realsozialismus (der Begriff ist ein Notbehelf) opponiert hatte. Klar zutage trat dieser Wandel im Ja zur deutschen Einheit, das zweierlei einschloss: das Bekenntnis zur bürgerlichen Ordnung und die Absage an jegliche Sozialismusvorstellungen. Der für die DDR-Opposition der 80er Jahre typische Traum von einem demokratischen Sozialismus habe sich als sozialromantische Allüre erwiesen, schrieb zum Beispiel Andreas Schönfelder im schon erwähnten Stacheldraht-Beitrag. Das Ja zur Einheit hat zumindest tendenziell die Antwort auf eine Frage beeinflusst, die für das Verständnis von Aufarbeitung und das Wirken der Gruppierungen in dem Bereich höchst bedeutsam ist, die Frage, ob die Bürgerbewegung vom Herbst’89 mit all ihren Werten und Zielen eher als abgeschlossenes, als museumsreifes Kapitel der Geschichte zu gelten hat oder als Teil einer Folge von Kämpfen, die bis in die Gegenwart reichen und längst nicht beendet sind (was eine museale Bearbeitung natürlich nicht ausschließt). Letzteres war unsere Position. Wichtig für den Verlauf der Geschichte ist nun noch, dass die Vertreter beider Standpunkte nicht friedlich Seit‘ an Seit‘ nebeneinander her wirkten, und das war auch der Grund späterer Solidaritätsverweigerung. Bis jeder seinen Platz in diesen Konflikten gefunden hatte, verging allerdings einige Zeit: Christian Halbrock und Gerold Hildebrand, die 2003/2004 bzw. 2006/2007 den Kurs von HuG kritisiert hatten, gehörten einige Jahre zuvor noch gemeinsam mit mir zu den Autoren eines unter dem programmatischen Titel Das war doch nicht unsere Alternative erschienenen Sammelbandes. Aber vielleicht habe ich ihre Beteiligung auch überbewertet.
Die Materialgrundlage für Arbeiten zum Thema HuG ist und bleibt lückenhaft: Die uns vorenthaltenen Gutachten, die – angeblich jedenfalls – zur Grundlage der Bescheide für die Jahre 2006 und 2007 wurden, hat man, so war von der Stiftung zu erfahren, nach zehn Jahren vernichtet. Die von mir zitierten oder erwähnten Texte befinden sich als Datei, mitunter auch gedruckt, in meinem Privatarchiv. Nicht weniges davon ist auf Webseiten veröffentlicht worden, die längst nicht mehr existieren. Ein Teil von alledem ist in den Dokumentarteil am Schluss eingegangen. Es schlägt sich aber nicht alles in Schriftform nieder, manches, von dem ich berichte, weiß ich lediglich vom Hörensagen, das habe ich dann vermerkt. Nennenswerte Vorarbeiten standen mir bei meinem Rückblick nicht zur Verfügung, Markus Goldbeck scheint der einzige zu sein, der sich der Geschichte des Blattes eingehender gewidmet hat. Auf eine Auseinandersetzung mit seinen Thesen will ich verzichten, sie wäre zu langwierig, und ich müsste dabei vielerlei an späteren Stellen Entwickeltes vorwegnehmen. Anmerken will ich hier nur, dass ich, anders als er, Aufarbeitung nicht mit Gedenken und Erinnern gleichsetzen würde und dass die Inhalte und damit die Gründe der Auseinandersetzungen bei ihm nur zum kleineren Teil deutlich werden; mitunter habe ich gezweifelt, ob er die Jahrgänge 2000 bis 2007 unseres Blattes überhaupt durchgesehen hat. Als Hilfsmittel nützlich war die von mir für die Nr. 50 (2/2005) erarbeitete Chronik der bis dahin erschienenen Hefte. Der Wikipedia-Eintrag hingegen gibt nicht viel her. Immerhin findet man dort die Auskunft des letzten Herausgebers, des Leipziger Bürgerkomitees, die Zeitschrift habe ihr Erscheinen eingestellt. Auf der von ihm ins Netz gestellten Webseite, die HuG als Organ der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ Leipzig ausweist, ist davon nicht die Rede. Da aber seit der Nummer 82/83, seit dem Jahre 2017 also, nichts erschienen ist, war diese Nummer wohl die letzte. Das war aber lange Zeit ungewiss, und vielleicht deshalb ist auch nie ein Nachruf auf dieses Blatt erschienen, das doch über Jahre hinweg ein Periodikum von Rang war.
II.
Bücher aus der Bibliothek meines Vaters hatten früh mein Geschichtsinteresse geweckt: Ferdinand Hirt’s historische Bildertafeln, die Erinnerungen des Prinzen Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, weiland General der Artillerie …Mit Dreizehn oder Vierzehn habe ich dort auch das Buch entdeckt, das meine geistige Entwicklung wohl am stärksten beeinflusst hat: Victor Klemperers LTI. Später, im Studium und mehr noch in meiner Zeit an der Akademie der Wissenschaften, wurde die sowjetische Geschichte für mich wichtig; vieles las ich in der Originalsprache. In der zweiten Hälfte der Achtziger dann, die Akademie hatte ich inzwischen verlassen müssen, saß ich manches Mal im Zeitungslesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden an einem der großen Tische und studierte alte Nummern des ND. 1958 zum Beispiel hatte Ulbricht auf der 35. ZK-Tagung mit innerparteilichen Gegnern abgerechnet; im SED-Zentralorgan waren die Protokolle nachzulesen. Es war still in dem wenig besuchten hohen Raum, gelegentlich aber marschierte unten auf der Charlottenstraße mit Paukenschlag und schrillem Flötenspiel eine Einheit des unweit stationierten Wachregiments vorbei.
Noch einmal zehn Jahre darauf, in den späten Neunzigern, habe ich der HuG-Redaktion ein oder zwei Mal meine Hilfe angeboten, um Werner Kiontke zu entlasten, den damaligen Hauptmacher des Blattes, den ich seit langem kannte und schätzte. Ohne sein Bemühen wäre HuG schon zu jener Zeit von der Bildfläche verschwunden: Zwar erschienen aus finanziellen Gründen – das Blatt hat wohl nie kostendeckend arbeiten können – zeitweise nur zwei Hefte pro Jahr, doch die Kontinuität blieb gewahrt. Als die mit den ABM-Stellen verbundenen Sachmittel ausblieben, halfen Spenden vom Neuen Forum, von der Heinrich-Böll-Stiftung und von Einzelpersonen, u. a. von Ingrid Köppe. Zeitweise boten auch die von den Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen finanzierten Länderhefte einen Ausweg (siehe dazu Anhang 1: Hauptthemen von HuG). Inhaltlich schließt hier das Heft 32 (4/2000) an, Opposition und Repression im Land Brandenburg; im Sommer 2000 hatte Werner Kiontke mich gebeten, es als Gast zu redigieren. Das Thema kam mir entgegen: Ich bin in der alten Chur- und Hauptstadt Brandenburg a. d. Havel geboren, mit der Stadt und der Mittelmark verbinden mich Heimatgefühle bis heute. Presseerfahrung hatte ich u.a. als Vertreter der VL, der Initiative für eine vereinigte Linke, in der Redaktion der allwöchentlichen Podium-Seite der Berliner Zeitung gesammelt, der Seite der Bürgerbewegungen und neuen Initiativen. Ich sagte also zu.
Kaum lag das Heft vor, wurde ich eingeladen, Redaktionsmitglied zu werden; in den Jahren 2002, 2005 und 2006 war ich angestellter Redakteur. Auch wenn meine politische Heimat weit links lag, als Redakteur habe ich mich immer dem allergrößten Teil der demokratisch orientierten einstigen Opposition verpflichtet gefühlt: HuG war, wie es in dem erwähnten Papier aus dem Jahre 2006 heißt, jenseits parteipolitischer Frontstellungen tätig. Nur bei einem Hauptthema – Ökonomie in der Ära Honecker, Heft 43 (3/2003) – waren Autoren aus der VL überdurchschnittlich stark vertreten, aber das hatte sachliche Gründe: Die Linke hat sich mit solchen Dingen eben stets in besonderem Maße befasst. Der rechte Rand dagegen – Siegmar Faust, Vera Lengsfeld usw. – blieb fast völlig ausgeklammert. Aber auch das hatte eher sachliche Gründe.
III.
Vermischtes aus dem Redaktionsalltag:
Im Jahre 2000 hatte die Redaktion zwar bereits eine Mailadresse, konnte aber noch keine Dateien als Anhang versenden oder empfangen. Sie wurden auf Disketten kopiert und mit der Post verschickt. Schwierig wurde es, wenn jemand erst auf den letzten Drücker abgeliefert hatte und außerdem noch viel zu ändern war.
Am vereinbarten Thema vorbei gingen die eingesandten Texte nur selten. Öfter schon waren sie zu lang, nicht selten sprachlich mangelhaft. Häufige Fehler und Mängel: Das Verb passte nicht zum Substantiv, die Präposition nicht zum Verb, den Sätzen und dem Fortgang des Textes von einem Satz zum anderen fehlte die Logik usw. usf. Ich musste, obwohl selber Autor, auch erst lernen, anderen respektvoll zu verdeutlichen, wo Eingriffe notwendig waren.
Literarische Texte blieben fast ausnahmslos unredigiert. Einmal hatte ich Adolf Endler gebeten, einen für mein Verständnis ziemlich unübersichtlichen Satz zu entflechten – aber ihm gefiel er in seinem sozusagen störrischen Zustand, also ließen wir ihn so.
Die Anforderungen, denen man als angestellter Redakteur gewachsen sein musste, gingen aber übers Redaktionelle weit hinaus. Besonderen Einsatz verlangte zum Beispiel eine Panne bei der Anlieferung von Heft 4/2005: Wenn der Fahrer mit den neuen Heften eingetroffen ist, werde ich von der Pforte informiert, komme vom Büro die drei Treppen herunter ins Foyer und begleite ihn in seinem Lieferwagen um den Block herum, denn dort befindet sich ein Lastenfahrstuhl – der Paternoster, mit dem man vom Foyer aus hinaufkam, ist stillgelegt. Ich sitze also oben im Büro, und es kommt und kommt kein Anruf. Schließlich steige ich herunter – da hat der Fahrer fast die gesamte Auflage schon ausgeladen. Ich frage ihn, ob wir sie wieder einladen könnten; Antwort: Ne, bin in Eile. Ich frage die Pförtnerin, weshalb sie mich nicht angerufen habe: Na, ick dachte, sie sind schon nach Hause jejangen … Also muss ich die Hefte mit einem kleinen Wagen, den wir oben im Lagerraum stehen haben, in vier oder fünf Touren bei Eis und hohem Schnee den langen Weg um den Block herumkarren, denn am nächsten Tag muss die Auflage versandt werden, damit wir die Versandkosten noch im laufenden Jahr abrechnen können.
Eine typische Situation: Das Heft liegt endlich vor, ich schlage es auf … und sehe gleich als Erstes einen – natürlich selbst verursachten – dicken, fetten Fehler.
Ein Fehler anderer Art hatte schwerwiegende Folgen: Im Jahre 2005 war eine zweibändige Rechtfertigungsschrift hochrangiger MfS-Mitarbeiter erschienen, ein Fördermitglied des Bürgerkomitees namens Harry Ewert bat darum, sie besprechen zu dürfen. Ewert konnte zwar Stasi-Bunker ausfindig machen, doch Texte verfassen konnte er nicht. Im Unterschied zu ihm selbst wusste ich das auch, habe ihm aber in einem unaufmerksamen Moment die Sache überlassen. Was er ablieferte, war nicht zu verwenden. Ich versuchte aus dem Text noch etwas zu machen, gab aber nach einer halben Seite auf; ein anderes Vereinsmitglied, das, wie ich später erfuhr, Gleiches versucht hatte, hielt nur wenig länger durch. Ich lehnte die Veröffentlichung also ab, worauf Ewert Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um die Sache doch noch ins Heft zu kriegen. Es gelang ihm aber nicht, und seitdem machte er gegen mich Stimmung. Ihm zur Seite stand jemand, der bei Treffen des Bürgerkomitees manches Mal herumraunte, er sei einer gaanz großen Sache auf der Spur, nur dürfe er nicht darüber reden, die Gerichte hätte es ihm verboten … Zwei seiner Anträge an den Verein: Ich soll meine Dissertation aus dem Jahre 1978 vorlegen. Ich soll festhalten, wieviel Zeit ich für meine Arbeit als Redakteur verwende, bloßes Nachdenken zählt aber nicht. Die Anträge werden abgelehnt.
Ein Thema, das für HuG hätte wichtig werden können, von uns aber nie bearbeitet worden ist: die Beziehungen innerhalb der mehr oder minder organisierten Gruppierungen der Opposition und der Bürgerbewegung. Es ging dort, versteht sich, anders zu als in der SED, Rivalitäten und autoritäre Anmaßung gab es aber auch hier. Ob das, wie ein einstiger Redaktionskollege meinte, auf das Verhalten der Stiftung abgefärbt hat, deren Personal ja zum Teil aus diesem Bereich kam, kann man vermuten, aber wohl kaum beweisen. Auch das Vereinsleben des Bürgerkomitees hätte Stoff für manche Studie geboten.
Was ich durch HuG erfahren habe: Zum Beispiel, wie lange in der Haft erlebte Demütigungen nachwirken – fünfzig Jahre und mehr bei manchen. Wie gering in der DDR die Solidarität mit politisch Verfolgten war, das Interesse an ihrem Schicksal. Eine Frau, die 1958 aus politischen Gründen inhaftiert worden war, später im Verlag Volk und Welt als Lektorin gearbeitet hat, deutete einmal im Gespräch mit Kollegen ihr Schicksal an, doch niemand wollte davon wissen; eine junge Lehrerin hatte im Jahre 1968 den Einmarsch in die ČSSR nicht sofort gutgeheißen und wurde strafversetzt, am neuen Arbeitsort blieb sie isoliert.
IV.
Konflikte gehörten von Anfang an zur Geschichte von HuG, ich will hier aber nur auf die eingehen, die auf die eine oder andere Weise für die Auseinandersetzungen in den Jahren 2006/2007 von Belang waren. Als erstes wäre da ein interner Streit zu nennen, der sich 2001 im Zusammenhang mit den NATO-Militäreinsätzen gegen Serbien entfaltete – konkret ging es um die Beilage eines an die Soldaten der Bundeswehr gerichteten Desertionsaufrufs, die vom Vereinsvorstand beschlossen wurde (angeblich jedenfalls – es gab innerhalb des Vorstands unterschiedliche Meinungen, was denn nun tatsächlich beschlossen worden war). Werner Kiontke, damals der angestellte Redakteur, hatte dergleichen schon einmal unterzeichnet, war im nachfolgenden Gerichtsprozess aber vom Bürgerkomitee in keiner Weise unterstützt worden und lehnte nun eine Beteiligung an weiteren Aktionen dieser Art ab; Einzelheiten finden sich in der Chronik in Heft 50. Eines hatte ich dort nicht erwähnt, da ich nicht geahnt hatte, welche Bedeutung es später haben würde: Der Vereinsvorsitzende Reinhard Schult (Neues Forum) trat, da er sich mit seiner Auffassung nicht hatte durchsetzen können, im Dezember 2001 aus dem Verein aus. Werner Kiontke konnte den Historiker Stefan Wolle als Nachfolger gewinnen, ihm folgte Christian Halbrock. Einer der Sechs, die sich damals, 2001, um einen Sitz im Vorstand bemüht hatten, war der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der im Folgenden noch des Öfteren eine Rolle spielt; er wurde als einziger nicht gewählt.
Im genannten Konflikt war deutlich geworden, dass wir die Beziehungen zwischen Verein, Vorstand und Redaktion verbindlich würden regeln müssen: Im Dezember 2002 hat das Bürgerkomitee den von Werner Kiontke und mir formulierten Statutenentwurf fast einstimmig verabschiedet. Dieses Statut (siehe Anhang 2) sicherte der Redaktion eine weitgehende Unabhängigkeit; auf das Bürgerkomitee angewiesen blieb sie dennoch, u. a. weil sie nicht selbst Anträge auf finanzielle Förderung stellen konnte.
Seit dem Herbst 2003 gehörte Johannes Beleites zur Redaktion, ein freundlicher junger Mann, der sich vor allem als Fotograf der Leipziger Montagsdemos einen Namen gemacht hatte. Er hatte die Redaktion des Hauptthemas von Heft 4/2004 übernommen und sandte uns in dem Zusammenhang eines Tages eine Mail, die schon allerlei Stationen durchlaufen hatte. Einer von uns verfolgte sie zurück bis zur ersten und und stieß dort auf eine Mail, die er einige Zeit zuvor einem Bekannten geschrieben hatte und deren Inhalt von uns als illoyal empfunden wurde. Im Dezember 2004 bewarben sich Beleites und ich um den Posten des angestellten Redakteurs, über den von Jahr zu Jahr entschieden wurde; er konnte uns aber nicht hinreichend vermitteln, was er anders oder besser machen würde, und unterlag mir deutlich. Bald darauf hat er die Redaktion verlassen. Ebenso Martin Jander, unser einziger Westler, der ihn auch als einziger bei der Wahl unterstützt hatte. Sie haben aber gelegentlich noch für HuG geschrieben. Redaktionsmitglieder waren nun Uwe Boche und der BStU-Mitarbeiter Steph Konopatzky, beide zuvor bei der Stasi-Auflösung aktiv, Dirk Moldt, der sich u. a. an der Arbeit der Kirche von Unten und der Umweltbibliothek beteiligt hatte und witzige Comics beisteuerte, schließlich Werner Kiontke, der in den Jahren 2003 und 2004 noch einmal als Redakteur angestellt war, und ich. Ein Redaktionsmitglied war stets zugleich Mitglied des Vereinsvorstandes, zu der Zeit war es Steph Konopatzky, später wurde es Dirk Moldt.
V.
Zu einem ersten Streit mit der Stiftung war es schon 2003/2004 gekommen; im Kern ging es dabei um die Frage, ob sie die HuG-Redaktion als Befehlsempfänger oder als Partner sieht, mit dem man anstehende Fragen bespricht. Genaueres findet sich im Entwurf eines Briefes, dessen Endfassung 2004 an den zuständigen Referenten ging (siehe Anhang 3, die Endfassung fehlt). Wie die Antwort ausfiel, weiß ich nicht mehr. Trotz ihrer Kritik an der Haltung der Stiftung hat die Redaktion aber die mit dem Bewilligungsbescheid verbundenen Auflagen, die aus ihrer Sicht nur Vorschläge sein konnten, eingehend beraten und Grünbaum im Juni 2004 mitgeteilt, was sie davon umsetzen will. In grundsätzlicher Hinsicht angesprochen haben wir das Problem der Beziehung zwischen Bürgerkomitee/ Redaktion und Stiftung noch einmal im Widerspruch zum Stiftungsbescheid für das Jahr 2006.
Dieser Bescheid nun brachte eine Überraschung: Wir wurden zur Einrichtung eines Beirates verpflichtet. Und zwar eines Beirates, der der Redaktion übergeordnet war: Er sollte nicht nur, wie es solche Gremien üblicherweise tun, die Redaktion beraten, sondern auch gemeinsam mit ihr die Titelthemen der Hefte festlegen, und er sollte dafür externe Redakteure ernennen, letzteres ab Heft 2/2006. Man hatte nicht einmal berücksichtigt, dass die Verantwortlichen für die Hauptthemen des Jahres 2006 längst von uns selbst benannt worden waren. Die Tätigkeit eines solchen Beirates, so die sehr knapp und allgemein gehaltene Begründung, solle dazu beitragen, die inhaltliche und personelle Qualität, Vielfalt und Pluralität der Beiträge und ihrer Autoren zu sichern bzw. zu verbessern und damit auch neue Leserkreise zu gewinnen. Wir hätten also über einen großen Teil des Heftes nicht mehr selbst bestimmen können, und das mussten wir ablehnen. Überraschend war das alles insofern, als die Stiftung uns im Jahr zuvor keine Auflagen übermittelt hatte, also alles in Ordnung zu sein schien. Grundlage der jetzigen Entscheidung war ein Außengutachten, das uns trotz Bitte um Einsichtnahme vorenthalten wurde.
In dem von mir ausgearbeiteten Widerspruch des Bürgerkomitees vom 21. Dezember 2005, den ich hier nicht in allen Einzelheiten vorstellen will, heißt es: Wir fragen uns mit Blick auf das genannte Gutachten sowie das Gesetz über die Errichtung einer Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und vorhergehende amtliche Verlautbarungen, was die Stiftung zu einem derartigen Eingriff in die Selbständigkeit des Projektträgers und der von ihm mit der Projektrealisierung beauftragten Redaktion der Zeitschrift veranlaßt hat. Denn im Gesetz ist von Förderung die Rede, nicht davon, daß die Stiftung bestimmt, wer mit welchen Rechten an einem eingereichten Projekt mitarbeiten darf. Das Redaktionsstatut, das die Themenwahl der Redaktion vorbehält, habe ich an dieser Stelle sonderbarerweise nicht erwähnt.
Noch im Dezember hatte ich etliche Autorinnen und Autoren vom Bescheid der Stiftung informiert, zumindest eine der Antworten muss im Nachhinein erstaunen: Tobias Hollitzer vom Bürgerkomitee Leipzig regte an, ich zitiere hier aus einer Mail an Vorstand und Redaktion vom Jahresende 2005, dass betroffene Einrichtungen sich mal Anfang Januar zwecks gemeinsamen Vorgehens kontaktieren sollten. Sein Vorschlag: ein Brief an den Stiftungsvorstand, daß solche grundsätzlichen Einschnitte doch gefälligst vorher mit uns zu besprechen sind. Außerdem sollte, da die Stiftung allem Anschein nach nicht mehr ihren Auftrag erfüllen kann, von ihr verlangt werden, eine Strategie zu erarbeiten, wie längerfristig die Tätigkeit der Aufarbeitungsinitiativen gesichert werden könne. Zur Kontaktaufnahme betroffener Einrichtungen ist es jedoch nicht gekommen; die weitere Zusammenarbeit mit Hollitzer gestaltete sich zudem eher unerfreulich.
In den ersten Januartagen des Jahres 2006 erreichte uns in Vorbereitung der anstehenden Gespräche mit der Stiftung auch eine längere Mail des (Noch-)Vereinsvorsitzenden Christian Halbrock. Er sehe, so hieß es ohne weitere Begründung, bei ehrenamtlicher Herausgabe des Blattes, die wohl in Erwägung gezogen worden war, die Gefahr, daß HuG denselben Weg geht, den schon andere Kleinblätter der Szene in Richtung linke Sektiererei gegangen sind. Vielmehr sollte HuG ein offenes und politisch undogmatisches Blatt bleiben; die WASG hat schon genügend Publikationsplattformen für ihre weinerliche Dauermeckerschleife … Halbrock stellte auch das Redaktionsstatut vom Dezember 2002 in Frage; er behauptete, HuG sei kein Blatt der Aufarbeitungsszene und ihm fehlten kreative Anregungen. Antworten darauf sind mir nicht bekannt; wo in solchem Maße das Ressentiment hervorbricht, kann man sie sich auch sparen.
Anscheinend war den Stiftungsverantwortlichen derweil klar geworden, dass man die Auflagen im Bewilligungsbescheid doch mit mehr als nur einem einzigen Satz begründen müsse, und so schickte uns Referent Grünbaum mit Datum vom 20. Januar 2006 ein längeres Schreiben, worin er uns versicherte, die Auflagen des Bewilligungsbescheids dienten der Weiterentwicklung und weiteren Professionalisierung von HuG, der Stiftungsvorstand drücke damit auch seine Wertschätzung gegenüber der Zeitschrift „Horch und Guck“ aus. Man kennt es ja: Wen der Herr liebt, den züchtigt er (Hebr. 12, 6). Aus der uns übermittelten Mängelliste führe ich nur die ersten vier Punkte an: 1. Trotz eines breiten Autorenstammes kommen in bestimmten Rubriken (Rezensionen, Berichte, etc.) oftmals die gleichen Autoren zu Wort, die aufgrund der fehlenden Zugehörigkeit zum wissenschaftlichen und publizistischen Diskurs immer wieder die erforderliche Qualität in ihren Beiträgen vermissen lassen. 2. Wiederholt werden politische Aufrufe oder Polemiken abgedruckt, die für eine „historisch-literarische Zeitschrift“ eher untypisch sind. 3. Die Auswahl der Autoren für „Horch und Guck“ stellt zunehmend die wissenschaftliche und politische Pluralität der Zeitschrift in Frage. 4. Der Abdruck zahlreicher Eigenbeiträge und Kommentare des verantwortlichen Redakteurs zu Autorenbeiträgen berührt zunehmend kritisch die gebotene Neutralität der Redaktion.
Die Antwort des Bürgerkomitees liegt mir nur im Entwurf vor: Der Vorstand erklärte, dass er die Einrichtung eines Beirats befürworte, die Kritik hingegen nicht konkret genug sei, um daraus Schlussfolgerungen für die Arbeit der Redaktion zu ziehen. Er fragte daher: Zu Punkt 1: Welche Beiträge sind gemeint, welche Qualitätsmängel wurden bemerkt? Zu Punkt 2: Die von uns in den letzten beiden Jahren dokumentierten Polemiken usw. haben mit Problemen zu tun, die zum Themenkreis unseres Blattes gehören. Zu Punkt 3: Inwiefern die Autorenauswahl die politische und wissenschaftliche Pluralität des Blattes in Frage stellt, würden wir gern anhand konkreter Beispiele erfahren. Zu Punkt 4: Um welche verantwortlichen Redakteure (im Laufe der Jahre 2004 und 2005 haben fast alle Redaktionsmitglieder in dieser Eigenschaft fungiert) und welche Eigenbeiträge bzw. Kommentare geht es und was ist an ihnen in der von Ihnen genannten Hinsicht zu bemängeln?
In den hier zitierten Äußerungen der Stiftung und ihrem weiteren Vorgehen zeigt sich ein Grundmuster, dem wir über Jahre hinweg, mal nur teilweise, mal komplett, immer wieder begegnet sind, bei ihr selbst wie bei anderen Beteiligten. Auffällig ist dabei: Ihre Kritik ist, wie auch der Vereinsvorstand zu Recht bemängelt, mit einer Ausnahme derart unkonkret, dass sich darauf nur mit Nachfragen antworten lässt. Und diese Nachfragen werden grundsätzlich nicht beantwortet. Es ist uns ja mitunter vorgeworfen wurden, wir hätten mit der Stiftung nicht reden wollen – tatsächlich aber ist sie es, die das Gespräch verhindert. Das Gespräch von Gleich zu Gleich jedenfalls. Ein solches Gespräch hatte der Vorstand des Bürgerkomitees auch mit seinem Brief von 2003/2004 angestrebt. Allerdings sollte man sich keine Illusionen machen: Grundlegende Differenzen lassen sich durch Gespräche nicht aus der Welt schaffen; für Gespräche auf Augenhöhe, wie man so sagt, fehlten auch die Voraussetzungen – zu unterschiedlich war (und ist) die Lage der beiden Seiten: Die Projekte sind auf die Gelder der Stiftung angewiesen, die Stiftung aber nicht auf die Arbeit dieses oder jenes Projekts. Aber das allein ist es nicht einmal: Die Projekte sind zumeist auch auf Förderungskontinuität angewiesen; es handelt sich hier oft genug um Langzeitvorhaben, die eigentlich institutionell hätten gefördert werden müssen. Denn man kann ein Archiv nicht einfach mal für ein Jahr schließen, das Erscheinen eines Periodikums für längere Zeit unterbrechen. Und damit werden die Entscheidungen der Stiftung, die Auflagen, die sie macht, zwar nicht formell, aber de facto fast schon unanfechtbar: Sie kann es sich leisten, über Jahre hinweg und durch alle Instanzen zu prozessieren, die Projekte können es meistens nicht. Aus dieser Position heraus kann sie sich vielerlei leisten: Sie muss keine Vorwürfe begründen, die sich vielleicht nur schwer begründen lassen, kann fachliche Gründe vorschieben, wo es um Politisches geht, sie muss grundsätzlich nicht die wirklichen Gründe ihrer Entscheidungen offenlegen, die zu nennen vielleicht nicht opportun ist – genannt werden sie nur hinter vorgehaltener Hand. Und genau das ist, wie wir sehen werden, auch geschehen. Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gewinnt so selbst unter der Voraussetzung demokratisierter Verhältnisse den Charakter einer Obrigkeit, deren Vorgehen mich (und nicht nur mich) an das eben dieser Diktatur erinnert. Es ließe sich auch noch manches sagen über den Mangel an Logik und an Kenntnissen, den Grünbaums Brief offenbart, erwähnen will ich hier aber nur, dass er irrt, wenn er meint, die Redaktion sei zu Neutralität verpflichtet. Zwar sollte sie nicht nur Beiträge abdrucken, in denen sie ihre eigene Meinung wiederfindet, aber neutral sein musste sie nicht, konnte sie auch gar nicht bei den Themen, um die es hier ging.
Im Januar 2006 wurde Stefan Wolle erneut Vorsitzender des Bürgerkomitees. Er übernahm damit eine Aufgabe, die, das war schon abzusehen, wenig Ruhm, aber viel Arbeit und noch mehr Ärger bringen würde. Es ist vor allem sein Verdienst, dass in zwei Gesprächen mit Stiftungsvertretern erreicht wurde, die Einsetzung externer Redakteure zumindest für das laufende Jahr abzuwenden und die geplanten Befugnisse des Beirates auf das Landesübliche zu verringern. Die Folge: Unserem Widerspruch wurde im April 2006 zum Teil zumindest stattgegeben. Dabei wurde auch die Redakteursstelle, die halbiert worden war, auf eine dreiviertel Stelle aufgestockt. Im Einzelnen zogen sich die Auseinandersetzungen bis in den Mai hin. So hatte Referent Grünbaum im Protokoll des zweiten Treffens vermerkt: Es wird vereinbart, dass zukünftig über jede Änderung in Bezug auf Besetzung und Geschäftsordnung des Beirates frühzeitig Einvernehmen zwischen Bürgerkomitee und Stiftung hergestellt wird. Die Stiftung versuchte hier also, eine Mitsprache in Dingen durchzusetzen, die gar nicht zu ihren Aufgaben gehören. Dirk Moldt hielt dann auch im Auftrag des Vorstandes dagegen, nach übereinstimmender Erinnerung der seitens des Bürgerkomitees Beteiligten sei vereinbart worden, die Stiftung über solche Änderungen unverzüglich zu informieren.
Mitglieder des Beirates wurden Edda Ahrberg (Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Sachsen-Anhalt), Hans-Georg Golz (Redaktion Aus Politik und Zeitgeschichte der Wochenzeitung Das Parlament, Kandidat der Stiftung), Tobias Hollitzer (Bürgerkomitee Leipzig), Renate Hürtgen (Zentrum für zeitgeschichtliche Forschung Potsdam, provisorische Beiratsvorsitzende), Carlo Jordan (damals meines Wissens freiberuflich tätig), Ilko-Sascha Kowalczuk (Forschungsabteilung der BStU) und Ehrhart Neubert (berentet, ehemals Mitglied des Stiftungsvorstandes und ebenfalls Kandidat der Stiftung). Eine Vertreterin der Robert-Havemann-Gesellschaft hatte zunächst ihre Teilnahmebereitschaft erklärt, war aber zur ersten Sitzung nicht erschienen und teilte uns bald darauf mit, dass sie aus Zeitgründen doch nicht zur Verfügung stehe. Wirklich unterstützt haben uns von den sieben Beiratsmitgliedern nur die Vorsitzende und Carlo Jordan. Als Gast nahmen an den Sitzungen stets mehrere Vorstands- oder Redaktionsmitglieder teil.
Für mich war von Anfang an zu spüren, dass die Beiratsmehrheit uns nicht unterstützen, sondern auf Linie bringen wollte. Zwar weist die Geschäftsordnung vom April 2006 dem Gremium auch die Aufgabe zu, grundsätzliche Fragen der inhaltlichen Orientierung der Zeitschrift zu beraten und an ihrer Konzeption mitzuwirken, doch ist es während seiner drei Sitzungen nie zu einer geregelten Arbeit gekommen: Renate Hürtgen blieb die ganze Zeit über provisorische Vorsitzende, und die Aussprache über Grundsatzfragen wurde von einem zum anderen Mal verschoben. Nur selten sind den Protokollen, in denen fast nur Ergebnisse festgehalten wurden, Meinungsverschiedenheiten abzulesen: Ein Beiratsmitglied kritisierte den Abdruck eines Textes über das neue Informationsfreiheitsgesetz, ein anderes, dass jemand bei uns über die Geschichte der Christlichen Linken berichten durfte. Das waren Vorstöße auf eigene Faust, ungedeckt durch eine Konzeptionsdebatte. In den Beirat der Redaktion eines Blattes einzutreten, um dessen Kurs zu ändern, halte ich ohnehin für unredlich. Doch genau das war die Absicht dieser Beiratsmehrheit; deutlich wird es in ihrer Rücktrittserklärung vom 1. Dezember 2006, auf die ich noch zu sprechen komme.
Immerhin gab es im Zusammenhang mit dem Ende Juni 2006 einzureichenden Förderantrag für 2007 einige nützliche Hinweise Renate Hürtgens. Als Hauptthemen geplant waren: Die DDR und die 3. Welt; Friedenswerkstatt Erlöserkirche Rummelsburg; Schule in der DDR und Wie politisch ist die Aufarbeitung von DDR-Geschichte? Alles spannende Themen, ganz besonders das letzte. Hier wäre u. a. zu fragen gewesen, wie Aufarbeitung von Geschichte unter der Voraussetzung einer Selbstbefreiung aussehen sollte, worin sie sich also grundsätzlich von der der Naziherrschaft hätte unterscheiden müssen, hier wäre auch eine Auseinandersetzung mit der Arbeit der Stiftung Aufarbeitung nötig gewesen. Ein meines Erachtens wichtiger Beitrag zu dem ganzen Komplex war schon in HuG Nr. 49 (1/2005) erschienen: Klaus Wolframs Der Horizont der Aufarbeitung und der Leseraum der BStU.
Wer mir das Folgende übermittelt hat, weiß ich nicht mehr: Ein Beiratsmitglied erfährt von Stiftungs-Geschäftsführerin Kaminsky im Gespräch, wenn unser Blatt sich bessere, könne man auch wieder über mehr Geld zum Beispiel für die Redakteursstelle reden.
Noch unklar war im Sommer 2006, wer von uns im Jahre 2007 als Redakteur angestellt werden sollte. Auf alle Fälle nicht ich, im Antragsformular wurde ich auch nur als Ansprechpartner genannt. Für das Jahr 2006 war ich von der Redaktion ein weiteres Mal in dieses Amt gewählt worden, aber mir wurde bald klar: Es reicht. Im Feuilleton brachte ich noch einiges, das mir wichtig war, Erinnerungen an Hannelore Becker, eine junge Dichterin (Heft 53, 1/2006, siehe dazu auch meinen Beitrag in Sinn und Form 5/2022) sowie Gedichte und Briefe meines Freundes Hermann Schäfer (Heft 55, 3/2006). Auch das Titelbild von Heft 56 (4/2006) erinnert mich an ihn. Es stammt vom 1. September 1983, dem Weltfriedenstag, als Mitglieder von Friedensgruppen gegen den Widerstand sog. Sicherheitskräfte versucht hatten, die US-amerikanische Botschaft und die unweit gelegene sowjetische Botschaft Unter den Linden mit einer Menschenkette zu verbinden; einige von ihnen, darunter Pfarrer Eppelmann, sieht man auf diesem Titelbild. Jener 1. September war auch Hermanns dreiunddreißigster Geburtstag, sieben oder acht Freunde und Bekannte hatten sich bei ihm in der Friedrichshainer Simon-Dach-Straße eingefunden, um mit ihm zu feiern. Keiner kannte den anderen, und doch entwickelte sich mühelos ein intensives Gespräch. Hermann schwieg die meiste Zeit, mir schien, dass er so ruhig und entspannt war wie schon lange nicht mehr. Am frühen Abend kam seine Nachbarin hinzu, eine junge Frau, die bei der Diakonie arbeitete; sie hatte sich an dieser Menschenkette beteiligt, und gegen Acht gingen wir hinüber in ihre Wohnung, um zu sehen, ob die Tagesschau von der Aktion berichtete. Gern wäre ich ihr nähergekommen, doch hörte ich von Hermann, dass sie einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Keiner von uns ahnte, dass es sein letzter Geburtstag war: Im Sommer darauf hat er sich in seinem erzgebirgischen Heimatort nach langer, zermürbender Krankheit und in aussichtsloser Lage das Leben genommen.
VI.
Spätestens im Mai 2006 haben Vorstand und Redaktion (praesidium officiumque) begonnen zu überlegen, ob es möglich sei, ohne Stiftungsförderung auszukommen. Unausgesprochene Voraussetzung war dabei, dass die Eigenart von HuG, die innerredaktionellen Verhältnisse und die Beziehungen zwischen Redaktion und Verein unverändert bleiben. Berechnungen zeigten, dass auch bei vorwiegend ehrenamtlicher Arbeit und nur zwei Heften pro Jahr ein vom Verein nicht abdeckbarer finanzieller Fehlbetrag entstehen würde. Dennoch haben die beiden Gremien Ende Mai in einer gemeinsamen Sitzung beschlossen, auf Förderung durch die Stiftung zu verzichten, wenn die Zuwendung für 2007 weiter gekürzt und/oder neue Bedingungen gestellt werden würden. Noch einmal lange herumzuverhandeln lohne nicht, sagten wir uns. Schon im Juli 2006 hatte ich mich im Namen der Redaktion mit fast gleichlautenden Schreiben an das Neue Forum und die VL mit der Bitte um eventuelle finanzielle Unterstützung gewandt (siehe dazu Anhang 4). Allerdings war in der Redaktion, als es soweit war, zunächst umstritten, ob es politisch richtig sei, in dieser Sache Gelder der VL in Anspruch zu nehmen.
War der Ertrag der Beiratsarbeit aus meiner Sicht auch gering, Ärger brachte sie uns genug. In Heft 53 (1/2006) war ein kleiner illustrierter Beitrag von Georg Meusel erschienen, der Ende der 90er Jahre gemeinsam mit Freunden aus Ost und West sowie heimischen Jugendlichen das Werdauer Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage und das damit verbundene Archiv der Bürgerbewegung Südwestsachsens aufgebaut hatte, heute dort Ehrenvorsitzender ist. Er widmet sich aber auch der politischen Mail-Art, Bundeswehr – hässlichste Briefmarke – heimliche Freude in der Friedensbewegung ist sein Text betitelt. Neubert lässt uns wissen: Wenn noch einmal so etwas erscheint, könne er HuG nicht länger unterstützen. Einige Zeit darauf fragt mich der Journalist Thomas Moser, der auch für unser Blatt schon manchmal gearbeitet hat, bei der Recherche für einen Beitrag im Publik-Forum nach Versuchen politischer Einflussnahme des Beirats auf die Arbeit der Redaktion. Ich nenne die Äußerung Neuberts, der Name wird im Text allerdings nicht genannt, es heißt dort nur: ein Stiftungsvertreter im Redaktionsbeirat. Das Publik-Forum ist eine Westgründung, ein inzwischen überkonfessionelles linkskirchliches Blatt, das auch im Osten Leser gefunden hat. Einer von ihnen ist Propst Falcke, einst eine wichtige Figur der kirchlichen DDR-Opposition. Neubert ist sein Schwiegersohn, nach Erscheinen von Mosers Beitrag tadelt er ihn wegen seines pazifismusfeindlichen Verhaltens. Ansonsten hätte der von der Sache vielleicht gar nicht erfahren. So ist mir jedenfalls berichtet worden. Ende November, bei der dritten und letzten Beiratssitzung, fragt Neubert nun gleich zu Beginn, wer Thomas Moser informiert habe. Ich melde mich, worauf mir allgemeine Empörung entgegenschlägt (nur Carlo Jordan verteidigt mich, Renate Hürtgen ist durch Krankheit verhindert): Vertrauensbruch, heißt es, alles geheim, streng geheim, nur durch Offizier usw. Im Beiratsstatut ist von Vertraulichkeit jedoch nicht die Rede; es soll bei der ersten Sitzung eine mündliche Äußerung der Art gegeben haben, der nicht widersprochen wurde, im Protokoll ist aber auch dazu nichts vermerkt. Vielleicht sollte der Beschluss zur Geheimhaltung ebenfalls geheim bleiben? Sie ist, wie man weiß, ein bewährtes Mittel, das Bekanntmachen von Sachverhalten, die der Macht nicht ins Konzept passen, zu kriminalisieren. Im politischen Bereich einer demokratisch verfassten Gesellschaft gibt es meines Erachtens nur Weniges, für das sie sich zu Recht beanspruchen lässt. Es hatte auch noch ein weiteres – an jenem Tag nicht anwesendes – Redaktionsmitglied Moser informiert, aber das erfahre ich erst später. In der Sitzung erkläre ich dann, 2007 nicht mehr als angestellter Redakteur wirken zu wollen, mein Nachfolger sei Dirk Moldt. Darauf lässt man von mir ab. Zuletzt heißt es, die Redaktion solle sich von Moser und mir distanzieren.
Wie dieses Ansinnen dort besprochen wurde, ist mir nicht mehr in Erinnerung, es liegt dazu auch kein Material vor – sie scheint sich aus dem Anlass nicht getroffen zu haben. Jedenfalls weigert sie sich, wenngleich nicht einstimmig, und bezeichnet das Vorgehen der Stiftung im Hinblick auf die Festlegungen im letztjährigen Bewilligungsbescheid als anmaßend (siehe Anhang 5). Ahrberg, Golz, Hollitzer, Kowalczuk und Neubert treten darauf aus dem Beirat aus und erklären (siehe Anhang 6), die Redaktion beanspruche völlig unangebracht eine authentische Vertreterin der DDR-Bürgerbewegung zu sein und damit das Blatt als eine politische Kampfschrift zu legitimieren. Für uns war der Beirat eine Chance, eine ungute Entwicklung von „Horch und Guck“ aufzuhalten und der Zeitschrift ein besseres aufarbeitungspolitisches und wissenschaftliches Profil zu geben. Diese Chance wird leider durch die Redaktion vertan.
Wir legen unsere Mitgliedschaft im Beirat der Zeitschrift „Horch und Guck“ nieder. Wir können keine Zeitschrift unterstützen, die unsere Mitarbeit nicht will, die resistent gegen Beratung ist, die sich politisch einseitig ausrichtet und die ihre Förderer und Geldgeber, wie die Stiftung Aufarbeitung, als feindlich definiert und dabei mit Unterstellungen arbeitet.
Die Beiratsmehrheit geht hier auf die gleiche Weise vor wie zu Jahresbeginn die Stiftung: Selbst der wohl am schwersten wiegende Vorwurf, wir hätten versucht, das Blatt als politische Kampfschrift zu legitimieren, wird nicht belegt, wird nicht einmal genauer gefasst; es gibt ja keine Kampfschriften schlechthin, man kämpft immer für oder gegen etwas. Die Behauptung, die Redaktion sehe sich zu Unrecht als authentische Vertreterin der DDR-Bürgerbewegung, lässt aber erahnen, was der Beiratsmehrheit an ihrer Orientierung missfällt: ihr Einstehen für Grundsätze der Bewegung vom Herbst ‘89. Doch ein solcher Vorwurf hätte irritieren können, da ist es schon besser, man schweigt. Gerade die Formulierung, die Zeitschrift wolle sich als „politischen Kampfschrift“ legitimieren, bemerkt der Vorstand des Bürgerkomitees in einer kurzen Stellungnahme, spricht dafür, dass ein Teil der Beiratsmitglieder eine grundsätzlich andere Ausrichtung der Zeitschrift befürwortet (siehe Anhang 7).
Den fünf Mitgliedern ist bewusst, dass ihr Austritt mit einiger Sicherheit die Ablehnung unseres Förderantrags bewirken wird, doch das ist ihnen grade recht (Mitteilung Kowalczuks an Beleites, nachzulesen in dessen Text im Deutschland-Archiv 2/2007, auf den ich noch ausführlicher eingehen will).
Der Stiftungsbescheid, der wie üblich Mitte Dezember eintrifft, fällt dann auch ablehnend aus: HuG habe in den vergangenen Jahren zunehmend an Qualität, Themenvielfalt, Pluralität, Relevanz und Verbreitung verloren, also an allem, woran man nur verlieren kann, die Stiftung habe das Bürgerkomitee wiederholt und letztlich vergeblich aufgefordert, geeignete Schritte zu unternehmen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken; nachdem nun die Mehrheit des Beirates zurückgetreten sei, sehe sie ihre Bemühungen als gescheitert an. Es war, als habe sie auf diesen Eklat nur gewartet. Konkret begründet hat die Stiftung ihre Wertung nicht, das hat sie ja grundsätzlich nicht nötig. In der einschlägigen Literatur wird in dem Zusammenhang mitunter darauf verwiesen, dass die Auflage in den letzten Jahren in zwei Schritten von 1200 auf 800 Stück herabgesetzt wurde. Die Zahlen stammen aus Beleites‘ erwähntem Text, sie stimmen, nur hat diese Kürzung mit der jüngsten Entwicklung nichts zu tun, kürzen müssen hätten wir die Auflage schon Ende der 90er Jahre. Doch wir haben uns erst gerührt, als das Lager bis zum letzten Winkel gefüllt war.
VII.
Am 19. Dezember 2006 kommen Vorstand und Redaktion letztmals, wenn ich es richtig sehe, zu einer gemeinsamen Beratung zusammen. Das Protokoll (siehe Anhang 8) vermerkt als Anwesende den Vereinsvorsitzenden Stefan Wolle, dann Marie-Luise Rohde, lange Jahre Vorstandsmitglied und im Frühjahr 2007 ohne Dank verabschiedet, Dirk Moldt, Vorstands- und Redaktionsmitglied zugleich, sowie die Redaktionsmitglieder Elena Demke, angestellt beim Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, seit dem Spätherbst 2005 auf Probe, seit dem Sommer 2006 regulär bei HuG, Werner Kiontke, Steph Konopotzky und mich. In einem Papier vom Oktober, intern Plan B genannt, hatte ich Einnahmen und Ausgaben noch einmal genauer zu berechnen versucht und im Detail festgehalten, welche Aufgaben im Ernstfall von der Redaktion, vom Vorstand und von beiden gemeinsam zu bewältigen wären: Redaktionserweiterung, Spendenaufruf, Leserkonferenz, Kündigung von Freiabos, Wahl neuer Zeichnungsberechtigter usw. usf. Vieles davon und noch manch anderes beraten wir an jenem Tag, können aber die Beschlüsse zumeist nicht mehr verwirklichen. Für 2007 planen wir zwei Hefte, Hauptthema des ersten: 25 Jahre Friedenswerkstatt an der Rummelsburger Erlöserkirche. Auch eine kurze Ausarbeitung liegt uns vor, die wir aber nicht diskutieren: Dirk Moldt erinnert an Stationen der Geschichte des Konflikts vor allem mit der Stiftung, aber auch mit anderen Kräften. Seit dem Sommer 2004, so vermerkt er, seien immer wieder Vorwürfe zu hören gewesen, HuG würde zunehmend „linke“ Tendenzen aufweisen, es seien E-Mails mit der Auflistung „linker“ Textstellen versandt worden. Redaktions- und Vereinsmitglieder hätten diese Kritiker gebeten, ihre Vorwürfe zu konkretisieren bzw. selbst für HuG zu schreiben; dabei habe sich herausgestellt, dass sich die Vorwürfe fast nur gegen mich richteten, meinen Stil, meine Arbeitsweise. In Briefen habe man sich über meine angeblich staatsnahe Haltung während der SED-Herrschaft ausgelassen. Unsere Bitten, so schreibt er zuletzt dazu, konkrete Artikel oder Kommentare zu nennen, die diese Vorwürfe rechtfertigten, kam niemand dieser Kritiker nach. Das war eine sehr frustrierende Erfahrung. Aber auch, wie man sagen muss, eine sehr typische.

Die Redaktion unterrichtet die Leserschaft in einer Beilage zu Heft 56 (4/2006) vom Stiftungsbescheid, erklärt, dass sie die Arbeit fortsetzt, und bittet um verbale und finanzielle Unterstützung (siehe Anhang 9). Ich schreibe im Auftrag des Vorstandes an die Vorstands- und Beiratsmitglieder der Stiftung, Dirk Moldt führt eine Reihe von Gesprächen, er hat dazu mehr Talent als ich. Bei einem privaten Treffen, für das er von Harry Ewert angegriffen wird, wirbt er bei der Stiftung um Verständnis für uns; ich halte das für vergebliche Liebesmüh‘, äußere mich dazu aber nicht. Die Reaktion des Publikums ist nicht unbeträchtlich, ein Aufruf vom 5. Januar 2007 findet mehr als sechzig Unterzeichner, ermutigende Zuschriften von Unterzeichnern wie Nichtunterzeichnern treffen ein und sogar etliche Spenden.
Auch an die Medien haben wir uns gewandt. Einigen Blättern der Tagespresse ist die Sache einen Beitrag wert, unter anderem der Jungen Welt, der Leipziger Volkszeitung, Bild und dem ND. Es finden sich darin Fehler zuhauf: In der LVZ zum Beispiel wird Grünbaum zum stellvertretenden Stiftungsvorsitzenden befördert, während man mir den Vornamen Erich verpasst. Wer mit der Stasi zu tun hat, muss Erich heißen, is doch glor … Und in der Berliner Zeitung vom 10. Januar 2007 liest man, die Stiftung habe seit Jahren eine Modernisierung angemahnt (?), sich eine aktuellere Ausrichtung der Beiträge gewünscht (??) sowie neue Autoren, um neue Leserkreise zu erschließen. Letzteres trifft zu, nur scheint der Stiftung entgangen zu sein, dass wir zu jedem Heft neue Autoren heranziehen; inzwischen müsste sie es wissen. Zudem ergeht sich der Beitrag in ärgerlichen Klischees: Wir hätten nach alter Bürgerrechtsmanier trutzig erklärt, nicht aufzugeben … Gern zitiert man in solchen Fällen ein paar Äußerungen der einen, ein paar der anderen Seite, das sieht schön ausgewogen aus, doch wird nirgends ein Stück tiefer gebohrt.
Referent Grünbaum in der Presse: Die Stiftung habe nie versucht, in die Autonomie der Zeitschrift einzugreifen … ach, war da nicht mal was mit externen Redakteuren? Einem Beirat, der sie bestimmen sollte? Man habe HuG viele Jahre mit großem Wohlwollen begleitet … Dafür hat man bekanntlich allerunterthänigst zu danken. Das haben wir versäumt.
Auch die Beiratsvorsitzende Renate Hürtgen hatte die Stiftung um Konkretisierung etlicher Vorwürfe an die Adresse von HuG gebeten. Die Antwort (für die ich aber keinen Beleg habe): Da der Vorstand des Bürgerkomitees inzwischen gegen den Stiftungsbescheid Widerspruch eingelegt habe, würden wir uns in einem schwebenden Verfahren befinden, so dass Auskünfte derzeit nicht möglich seien. Sonderbar nur: Im Vorjahr war das Verfahren doch genauso schwebend, trotzdem bekamen wir zu jener Zeit erläuternde Post vom Referenten …
Dieser sehr zurückhaltend formulierte Widerspruch, eingelegt in den letzten Dezembertagen, wurde nie beantwortet: Der Stiftungsvorstand, welch ein Pech, findet dafür einfach keine Zeit. Folglich ist der Gang zum Verwaltungsgericht, den das Bürgerkomitee erwägt, nicht möglich. Ob Diktatur, ob bürgerliche Demokratie, der Staat sitzt stets am längeren Hebel.
Wann ich bei der VL persönlich um finanzielle Unterstützung gebeten habe, kann ich nicht mehr feststellen, jedenfalls verspricht sie 1500 Euro. Beim Neuen Forum verhandele ich mit Bernd Florath und Reinhard Schult – sie versprechen gar nichts. Denn Schult wird wohl inzwischen gemerkt haben, dass er sich endlich rächen kann für die Niederlage von 2001, wenn auch um den Preis des Verrats: Er muss sich dazu mit Leuten verbünden, die politisch ganz andere Ansichten vertreten als er, der sich als sozialistischer Linker versteht.
VIII.
Zu der schon im Vorjahr geplanten Leserkonferenz hat die Redaktion für den Abend des 7. Februar 2007 ins Haus der Demokratie und Menschenrechte (HdDM) in der Greifswalder Straße eingeladen. Das Interesse ist beträchtlich, im großen Saal im Erdgeschoss, dem Robert-Havemann-Saal, bleibt kaum ein Platz leer. Beleites behauptet einige Zeit später wider besseres Wissen in einem Beitrag im Deutschland-Archiv, die HuG-Redaktion igele sich ein; tatsächlich ist es die Stiftung, die sich einigelt. So hat sie trotz Einladung zu diesem Abend keinen Vertreter entsandt, Begründung: urlaubsbedingter Personalmangel, zudem äußere man sich grundsätzlich nicht öffentlich zu einzelnen Projekten (doppelt hält besser). Die Hauspost des HdDM, die es auch schon lange nicht mehr gibt, widmet ihre Ausgabe vom August 2007 dem Fall von „Horch und Guck“, so der zweideutige Titel, bringt den Brief, den Uwe Boche, Werner Kiontke und ich im Mai 2007 an den Vorstand des Bürgerkomitees gerichtet haben und von dem noch die Rede sein wird, dazu Beiträge von Sebastian Gerhardt und Thomas Klein. Sein Text Eine Leserkonferenz gibt Auskunft ist die stark gekürzte Fassung einer Arbeit vom Februar 2007; treffend heißt es bei ihm: Die naheliegende Erwartung, ein Kreis von Engagierten würde solidarisch nach Wegen zum Erhalt ihrer Zeitung suchen, sich klar und eindeutig zur Stiftungslinie äußern, die Redaktion mit Vorschlägen und Kritik für ihre Arbeit unterstützen und sich über die eigentlichen Ursachen des Konflikts zwischen Vereinsvorstand/ Redaktion und Stiftung auseinandersetzen, erwies sich als verfehlt … Stefan Wolle platzt dann auch irgendwann der Kragen, er verteidigt mit deutlichen Worten meine Arbeit als Redakteur. Besonders enttäuschend: das Verhalten der Vertreter der Robert-Havemann-Gesellschaft, der größten und wichtigsten Berliner Aufarbeitungsinitiative. Sie dokumentiert zwar den Konflikt auf ihrer Webseite, doch als Institution will sie nicht Stellung beziehen. Nur Tom Sello äußert sich, unterstützt Harry Ewert in seinen Angriffen auf die Redaktion und erklärt, dass die Stiftung Forderungen stelle, sei doch verständlich. Immerhin wirkt Klaus Wolfram im Vorstand der Havemann-Gesellschaft in unserem Sinne, er kann sich aber mit seiner Sicht nicht durchsetzen. Das Treffen zeigt, was die Redaktion in der Folgezeit zu erwarten hat, doch das wird mir bzw. uns erst später klar.
Gerold Hildebrand am 6. März 2007 in einer Mail an die Redaktion: Übrigens: Ein Artikel über das HuG-Leserforum im Haus der Demokratie und Menschenrechte könnte den hübschen Titel tragen: VL soll Aufarbeitungszeitschrift aufwickeln oder VEB Horch und Guck und die böse West-Stiftung. Die Geistesart eines Menschen zeigt sich, so scheint mir, ganz besonders dann, wenn er witzig zu werden versucht.
IX.
Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Begründung, mit der die Stiftung unseren Antrag abgelehnt hat, nur vorgeschoben ist. Stefan Wolle hat das mehrmals geäußert, ebenso kommt es in den Zuschriften an uns zum Ausdruck: Michael Kubina zum Beispiel, der damals die Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat redigiert, schreibt uns, Qualität, „Pluralität“ und Themenvielfalt von HuG hätten in den letzten Jahren eindeutig zu- und nicht abgenommen, wir seien im Grunde thematisch konkurrenzlos. Er würde gern einmal das der Stiftungsentscheidung zugrunde liegende „Gutachten“ sehen, würde auch gern sehen, wer seinen Namen für eine solche Einschätzung hergibt und wie er sie konkret begründet. Auch Johannes Beleites, der den Fall im Deutschland-Archiv 2/2007 ausführlicher darstellt, kann den Behauptungen der Stiftung nichts abgewinnen. Ihre Entscheidung hat also vermutlich politische Gründe, die sie aber nicht nennen will.
Beleites verfolgt in seiner Arbeit einen eher personalisierten Ansatz, der schon im Titel deutlich wird: Man schlägt den Sack und meint den Esel – mit dem Esel wiederum meint er mich. Ausschlaggebend für die Förderungsverweigerung sei, so schreibt er auf S. 209, neben Kommunikationsproblemen zwischen Stiftung und Redaktion die politische Heimat des angestellten Redakteurs gewesen: Ich hatte als Mitglied der VL einen Aufruf zur Vereinigung von PDS und WASG unterschrieben, und das kam im Vorstand der Stiftung /…/ sicher nicht gerade gut an. Dass ich ihn aus Unzufriedenheit mit der PDS unterschrieben habe, die DDR-Schwärmerei und Neoliberalismus unter einen Hut zu bringen versteht, bemerke ich mal nur nebenbei. Vorausgesetzt, dass Beleites die Sache richtig darstellt, so zeigt sich hier, dass die Stiftung nicht willens war, ihre Förderungsverweigerung im Bescheid wahrheitsgemäß zu begründen. Verständlicherweise, muss ich sagen. Ich vermute, aber, dass meine politische Herkunft und speziell die bewusste Unterschrift in dem Zusammenhang nur ein Faktor von mehreren waren. Denn zur Auseinandersetzung mit ihr war es ja schon 2003/2004 gekommen, zudem hatte doch eine inhaltliche Frage den aktuellen Konflikt ausgelöst: ob denn Beiträge wie der Georg Meusels zum Profil von HuG passen. Und auch die ausgetretenen Mitglieder des Beirats argumentieren in ihrer Erklärung inhaltlich. Hätte Beleites gefragt, inwiefern ich den Redaktionskurs nach Meinung der Stiftung auf ihr nicht genehme Weise beeinflusst haben könnte, wäre sein personalisierter Ansatz vielleicht fruchtbar zu machen gewesen. Aber unser Kurs spielt hier kaum eine Rolle, man liest nur, die Stiftung habe zuvor schon den Abdruck politischer Aufrufe kritisiert, die für eine historisch-literarische Zeitschrift untypisch seien.
Ein zweiter Grundmangel der Arbeit: Beleites baut trotz betonter Sachlichkeit und Neutralität Fehlinformationen ein, die sich eindeutig gegen die HuG-Redaktion richten: Er behauptet, wie schon erwähnt, die Redaktion igele sich ein, er behauptet zudem, ich hätte den erwähnten Artikel im Publik-Forum veranlasst; Thomas Moser stellt auf S. 409/410 der Folgenummer klar, dass es seine Idee war. Auf weitere Verfälschungen gehen Dirk Moldt und ich in einer gemeinsamen Antwort auf Beleites ein (Für eine Aufarbeitung ohne Schläge, Säcke, Esel und Igel, ebenda, S. 407 – 409). So etwa auf seinen Vorwurf, das Blatt habe sich inhaltlich nicht mehr entwickelt. Tatsächlich hat die Redaktion in den Jahren zuvor das Themenspektrum deutlich erweitert und Überlegungen zur Alltagskultur, methodische Probleme sowie Fragen der Vermittlung von DDR-Geschichte einbezogen: Sie sind das Hauptthema von Heft 50 und spielen auch in weiteren Heften eine Rolle, etwa in Form von Schulbuchanalysen. Gerade die Einbeziehung alltagskultureller Aspekte in die Aufarbeitung von DDR-Geschichte hat Anne Kaminsky übrigens 2019 bei einer Tagung in Bautzen ausdrücklich abgelehnt. Gegen Schluss heißt es bei ihm noch: Geschäftsführung und Vorstand der Stiftung übersahen, dass Horch und Guck bisher auch trotz des politisch links beheimateten Redakteurs Erhard Weinholz nicht zu einem linken oder ideologischen Blatt geworden ist – das könnte sich jetzt ändern. Was haben solche Spekulationen in einer geschichtswissenschaftlichen Zeitschrift zu suchen?
Das also zu diesem personalisierten Ansatz. Andere haben den Grund der Ablehnung weiterer Förderung anderswo gesehen: Auch wenn ich Neubert für keine Marionette der Stiftung gehalten habe, war seine Ablehnung von Georg Meusels Mail-Art-Text für mich ein Schlüssel zum Verständnis ihres Verhaltens. Sicherlich hat der Abdruck dieses kleinen Beitrags nur den Anlass für eine weitere Verschärfung eines schon bestehenden Konfliktes gegeben, es war aber bezeichnend, dass gerade dieser Beitrag solche Wirkung hatte. Denn solche Texte zu bringen gehörte zum bürgerbewegten Selbstverständnis der Redaktion; Dirk Moldt und ich verweisen darauf in unserem Beitrag im Deutschland-Archiv, und in gleichem Sinne äußere ich mich in der Zeitschriftenschau der Erwachsenenbildung 2/2007. Resümierend stellen wir in unserem gemeinsamen Beitrag fest: Unseres Erachtens hatte die Stiftung vor allem Probleme mit der von der Gesamtredaktion zu verantwortenden Konzeption des Blattes, ohne dies je adäquat zum Ausdruck gebracht zu haben. So haben wir auch die von Beleites genannte Stiftungskritik im Zusammenhang mit dem Bescheid für 2006 verstanden: Man kritisierte den Abdruck von Texten, deren Autoren nicht zum Diskurs gehören, und für eine historisch-literarische Zeitschrift untypischer Aufrufe sowie mangelnden Pluralismus. Uns schien daher, dass der Konflikt auch einen politischen bzw. aufarbeitungspolitischen Hintergrund hat. Die genannte Kritik stellte aus unserer Sicht die bürgerbewegte Orientierung und das Vorhaben einer Geschichtsaufarbeitung ‚von unten‘ in Frage. Diese Tendenz sei auch in Neuberts Ablehnung des Abdrucks von Georg Meusels Mail-Art-Text vernehmlich gewesen.
Erwähnen will ich noch einen Aspekt der beiden Beiträge, der bei Beleites und auch in der Tagespresse überhaupt keine Rolle gespielt hat: Es ging uns nicht nur um HuG. Es sei an der Zeit, so schreibe ich in der Erwachsenenbildung, das Verhältnis zwischen der Stiftung und den von ihr geförderten Initiativen transparenter zu gestalten, etwa durch Offenlegung und öffentliche Diskussion der Förderungs- und Ablehnungskriterien sowie den Verzicht auf die Anonymität der Gutachter. Das knüpft an Vorstellungen aus dem bereits erwähnten Brief der Redaktion von 2003/2004 an; in gleiche Richtung gehen Überlegungen in der erwähnten Zuschrift Michael Kubinas: An der Politik und Förderpraxis der Stiftung gebe es schon seit Jahren etliches auszusetzen, doch sei da von uns wenig zu hören gewesen, solange wir unser Geld bekommen hätten. Stimmt … wir hatten meist sehr mit uns selbst zu tun.
X.
Das Bürgerkomitee 15. Januar ist ein recht kleiner Verein, hat etwa anderthalb Dutzend aktive, d.h. zu den Versammlungen erscheinende Mitglieder; durch Wiederbelebung von Karteileichen und Neuaufnahmen lassen sich die Mehrheitsverhältnisse leicht ändern. Das geschieht bei einer Mitgliederversammlung am 28. März 2007; unter anderem kehrt Reinhard Schult ins Bürgerkomitee zurück. Vorbereitet worden war diese Änderung der Verhältnisse, wie ich gehört habe, ein paar Tage zuvor bei einem Treffen am Oppositionellen-Stammtisch einer Berliner Kneipe, dem Metzer Eck. Bei der Mitgliederversammlung am 2. Mai hebt man dann das Redaktionsstatut auf und wählt, nachdem der alte Vorstand zurückgetreten ist, einen neuen. Vorsitzender wird Joachim de Haas, das Sagen hat aber, so mein Eindruck, sein Stellvertreter Reinhard Schult. Auch Stefan Wolle lässt sich wählen, erscheint aber nie zu den Sitzungen und wird deshalb schon im Oktober ausgeschlossen. Die Redaktion vereinbart mit dem neuen Vorstand für den 23. Mai ein Treffen, um über die weitere Arbeit insbesondere mit Blick auf Heft 58 (2/2007) zu reden. Das von ihr vorgeschlagene Hauptthema Wie politisch ist die Aufarbeitung von DDR-Geschichte? findet in der Versammlung wenig Anklang.
Die Atmosphäre beider Zusammenkünfte ist bestimmt von Angriffen auf die Redaktion und vor allem auf mich. Uwe Boche, Werner Kiontke und ich treten zu unterschiedlichen Zeiten aus dem Verein aus, ebenso die Historikerin Leonore Ansorg und die ehemalige Beirats-Vorsitzende Renate Hürtgen, die von Harry Ewert auf unverschämte Weise attackiert worden war. Uwe Boche, der inzwischen in die märkische Provinz verzogen ist, mailt am 21. Mai: Moin moin, nun ist gut. Nach all den Diffamierungen der Redaktion und der unglaublichen Vorgehensweise mit dieser Ausschreibung – von der ebenfalls noch die Rede sein wird – habe er die Nase voll; wenn keiner der „Sprecher“ es schaffe, den sachlich fragwürdigen Vorwürfen einiger Beteiligter sowie den verbalen Amokläufen eines Harry Ewert etwas entgegenzusetzen, sei er wohl im falschen Verein. Und erklärt seinen Austritt. Ich schreibe ihm am gleichen Tage: Hallo, Uwe, das ist konsequent. Ich warte allerdings mal noch ein bißchen: Vielleicht findet sich ja in der Einladung für die MV vom 6. Juni ein Tagesordnungspunkt: Antrag auf Ausschluß von Herrn Harry Ewert. Viele Grüße …

Später verlassen weitere Gründungsmitglieder den Verein. Aber es werden auch Aufnahmeanträge gestellt; Elena Demke zum Beispiel, unser jüngstes Redaktionsmitglied, möchte gerade jetzt Mitglied des Bürgerkomitees werden. Sie ist Jahrgang ’68, also etwa zwanzig Jahre jünger als Werner Kiontke und ich, stammt aus kirchlicher Familie und bringt interessante Themenvorschläge und Ideen ein, doch der oppositionelle Geist des Blattes bleibt ihr anscheinend fremd. Als ich ihr einmal sage, HuG sei keine Zeitschrift, sondern eine Weltanschauung, antwortet sie: Leider.

XI.
Zur gleichen Zeit, im ersten Halbjahr 2007 also, arbeitet die Redaktion, verstärkt durch Gerold Hildebrand als Gast, an ihrem letzten Heft, der Nr. 57 (1/2007) mit dem Thema Friedenswerkstatt. Die Gesamt-Koordination übernimmt Dirk Moldt, der zusammen mit Hildebrand auch den Hauptteil redigiert, während ich für den größten Teil der zweiten Hälfte zuständig bin und Elena Demke für die letzten zehn Seiten, den Rezensionsteil. aupeil redigiert, Der redaktionelle Mailverkehr vom Mai 2007 hat sich fast vollständig erhalten, er zeigt, wie wir zusammenarbeiten, aber auch, zu welchen Meinungsunterschieden es dabei und zuletzt noch in Antwort auf das Vorgehen des neuen Vorstands kommt.
Dirk Moldt versucht als koordinierender Redakteur, die am Heft arbeitende Gruppe und die Redaktion insgesamt zusammenzuhalten, doch das erweist sich – so meine Einschätzung – vor allem aufgrund der Aggressivität, die Gerold Hildebrand anderen und insbesondere mir gegenüber an den Tag legt, als schwierig. Viel debattiert wird, was wir als Hauptthema von Heft 2/2007 vorschlagen wollen. Zwar hätte klar sein müssen, dass wir es gar nicht mehr bearbeiten werden, denn Schult und seine Parteigänger waren von Anfang an darauf aus, die jetzige Redaktion schnellstens durch eine neue zu ersetzen, ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das zu der Zeit auch so gesehen habe. Jedenfalls schlage ich nach dem Motto Wenn schon, denn schon vor, das Thema Wie politisch ist die Aufarbeitung von DDR-Geschichte? am 23. Mai weiterhin als unsere erste Wahl zu bezeichnen. Doch ich finde dafür keine hinreichende Unterstützung, ein Teil der Redaktion hofft wohl auf Übereinkunft mit einem Vorstand, der diese Übereinkunft gar nicht will: Am 16. Mai erreicht uns eine Mail, das Bürgerkomitee suche im Rahmen eines formlosen Wettbewerbs für HuG einen Redaktionsleiter, der zunächst ehrenamtlich die Nr. 2/2007 redigieren soll, sowie vier ehrenamtliche Redaktionsmitglieder. Ja, der Große Stellvertretende Vorsitzende macht Nägel mit Köpfen. Der Geist der Bergpredigt habe ihn geleitet, wird Gerold Hildebrand Jahre später in seinem Nachruf auf ihn behaupten. Ich habe nichts davon gemerkt. Oder gibt es – ich bin ja nicht so bibelfest – auch im Alten Testament eine Bergpredigt? Das Treffen vom 23. ist nun überflüssig, der Termin wird abgesagt.
Man könnte meinen, solch ein Vorgehen würde die Redaktion noch einmal einen, doch nur Uwe Boche, Werner Kiontke und natürlich ich selbst unterschreiben den von mir verfassten und auf den 24. Mai datierten Offenen Brief an den Vorstand des Bürgerkomitees 15. Januar. Also immerhin die beiden Hauptmacher des Blattes und ein sog. Urgestein, aber das können Außenstehende nicht wissen. Mit Blick auf die Mail vom 16. Mai heißt es: Der Vorstand des Bürgerkomitees hat damit ohne vorherige Information und inhaltliche Begründung eine Redaktion ausgebootet, die jahrelang und mit viel Engagement gute Arbeit geleistet hat. Seine nachgeschobene Begründung halten wir nicht für stichhaltig: Er ist keinesfalls gezwungen, bei Antragsabgabe /an die Stiftung Aufarbeitung, also zum 30. Juni – E. W./ eine neue Redaktion zu präsentieren. Wichtig sei uns, so schreibe ich zuletzt, dass „Horch und Guck“ der Geschichtsaufarbeitung von unten verpflichtet bleibt und, gerade dieser Punkt ist innerhalb des Bürgerkomitees umstritten, auch künftig den Gruppen und Einzelpersonen Publizität gibt, die sich im Sinne der Bürgerbewegung des Herbstes 1989 mit heutigen Verhältnissen auseinandersetzen. Zu untersuchen, weshalb die anderen Redaktionsmitglieder nicht unterzeichnet haben, wäre allzu aufwendig, denn jeder der Drei hat seine eigenen Gründe. Mein Fazit in einer Mail vom 23. Mai: Eine Redaktion, die mit Arschtritt verabschiedet wird und es nicht schafft, relativ zeitnah dazu eine kurze Erklärung zu formulieren, hat kein besseres Schicksal verdient.
Mitglied der neuen Redaktion zu werden habe ich gar nicht erst versucht, anders als Dirk Moldt, der uns alle zu einer solchen Bewerbung aufgefordert hatte und dann vom Vorstand geradezu brüskiert wird. Die Mitgliederversammlung vom 6. Juni ist die letzte, an der ich teilgenommen habe, an jenem Tag bin ich auch letztmals in den Räumen von Bürgerkomitee und Redaktion. Manches Mal habe ich mich gefragt, was aus den ganzen Papieren dort geworden ist, der von Jolly Zickler betreuten Vereinsbibliothek, den vielen Materialien, die sich dort stapelten. Werner Kiontke hatte im Juli in einem eindringlichen Appell den Vorstand um Bewahrung dieses Erbes gebeten – vergebens, wie ich später erfahren habe. Ich weiß auch nicht, was aus der Bibliothek des DDR-Außenministeriums wurde, die Uwe Boche und er in den neunziger Jahren gerettet und im Haus 1 eine Etage über unseren Räumen eingelagert haben. Hin und wieder bin ich damals mit dem Fahrstuhl hochgefahren und habe in der Hoffnung auf irgendwelche Schätze in den Bananenkisten gestöbert, die dort zu Hunderten auf dem Fußboden standen, doch fand ich in den meisten nur vergilbte Broschüren aus aller Welt. Es ging noch eine Etage höher mit dem Fahrstuhl – man kam dann in einen Vorraum des Dachgeschosses. Hier standen ramponierte Stühle, ein Schrank, dem die Türen fehlten, auch wohl ein uralter Staubsauger und ein paar leere Kartons. Der Raum hatte für mich ein wenig den Reiz des Verbotenen; ich setzte mich auf das breite Fensterbrett, rauchte und schaute hinüber nach Friedrichsfelde, wo ich vor Jahrzehnten als Student gewohnt hatte, oder hinunter Richtung Frankfurter Allee, deren Lärm hier nur gedämpft zu hören war. An diesem 6. Juni hätte ich mich gern noch einmal dort oben hingesetzt, um aus einigem Abstand über das Geschehene nachzudenken und von dem Ort Abschied zu nehmen, doch Schult bedrängt mich auf rüde Weise und fordert mir die Schlüssel ab. Ich bin dann gegangen, ohne das Ende der Versammlung abzuwarten. Später erfahre ich noch, der neue Vorstand habe informiert, dass bei einem für den 21. Juni geplanten Treffen mit Vertretern der Stiftung weder die Frage der Einsichtnahme in das Gutachten für 2006 noch nach der Beantwortung des Widerspruchs vom Dezember angeschnitten werden soll.

Eine Frage stellt sich hier noch: Weshalb sich all diese Auseinandersetzungen gerade zu jener Zeit vollzogen haben, in den Jahren 2005 bis 2007? Sebastian Gerhardt sieht in seinem schon erwähnten Beitrag für die Hauspost vom August 2007 die Zuwendungsverweigerung der Stiftung als Exempel, das ihrer Förderrichtlinie für die Jahre 2008 bis 2010 Nachdruck verleihen soll, der Konzentration auf Projekte, die die epochale historische Bedeutung der friedlichen Revolution in der DDR und der Wiederherstellung der deutschen Einheit bewusst machen. Die epochale Bedeutung dieser Einheit war tatsächlich nie unser Thema; dennoch ist ein Zusammenhang hier schwer zu beweisen, zumal unsere Förderung ja schon 2005 in Frage gestellt worden war, als diese Richtlinie noch gar nicht existierte. Auf dem Papier jedenfalls … aber vielleicht im Geiste? Weshalb es zu Konflikten mit der Stiftung kam, ist einigermaßen klar ersichtlich, weshalb es gerade zu dieser Zeit war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

Der neuen Redaktion gehören Johannes Beleites, Elena Demke, Peter Grimm, Gerold Hildebrand und Rebecca Menzel an; bis auf Grimm hatten sie alle schon einmal bei HuG mitgearbeitet. Bald nach dem 6. Juni, das genaue Datum konnte ich nicht ermitteln, treffen sich Redaktion und Vorstand mit einigen Mitgliedern des früheren Beirats, von denen die meisten einige Zeit darauf neu berufen werden. Auch Renate Hürtgen, die natürlich nicht berufen wurde, war dabei und berichtet darüber unter dem Titel Wie steht es eigentlich aktuell um die Zeitschrift „Horch & Guck“? auf der Hauspost-Webseite des HdDM. Eines der Themen dieses Treffens, so ist bei ihr zu lesen, sei die inhaltliche Orientierung des Blattes gewesen; Schult habe ausgehend vom Vereinsstatut u. a. als Anliegen genannt, durch Aufklärung zur Demokratieentwicklung beizutragen. Das war nun aber nicht im Sinne Edda Ahrbergs, die anfragte, ob sich dahinter vielleicht ein stärkeres Interesse an aktueller Darstellung verberge – in dem Falle stehe sie als Beiratsmitglied nicht zur Verfügung. Also Kapitalismuskritik muss nun wirklich nicht in die Zeitschrift „Horch und Guck“ rein brachte Tobias Hollitzer die Sache auf den Punkt und ließ uns damit zugleich, sozusagen halbamtlich, einen Hauptgrund für den Stopp der Förderung durch die Stiftung wissen (wobei er, so denke ich, den Begriff Kapitalismuskritik sehr weit gefasst hat). Sie könne, darauf hatte vor allem Gerold Hildebrand mehr als einmal geradezu frohlockend verwiesen, so etwas auch gar nicht fördern, weil es nicht ihrem Stiftungszweck entspreche. Der umfasst, wie es auf ihrer Webseite heißt, die Aufarbeitung der Ursachen, Geschichte und Folgen der Diktatur in SBZ und DDR, von Diktaturen im internationalen Maßstab und die Auseinandersetzung mit den kommunistischen Diktaturen in der SBZ/DDR und in Ostmitteleuropa, um das öffentliche Bewusstsein über die kommunistische Gewaltherrschaft zu befördern.

XII.

Nicht benannt wird in den zitierten Zwecksetzungen das eigentliche Ziel der Aufarbeitung von DDR-Geschichte. In Heft 56 (4/2006) hat Christian Booß in einer informativen Analyse der Begriffsverwendung verdeutlicht, dass man solche Geschichtsarbeit zumeist in den Zusammenhang des Bemühens um Demokratiefähigkeit stellt. Zu Recht: Die Forderung nach Demokratie, nach Selbstbestimmung verband fast alle, die im Herbst ‘89 gegen das alte System angetreten waren, Freie Wahlen war bei der großen Demonstration vom 4. November die häufigste Losung. Sich mit der im Herbst 1989 gestürzten Herrschaft, ihrem Denken und ihren Praktiken auseinanderzusetzen kann helfen, den Willen zu solcher Selbstbestimmung zu stärken – den ein beträchtlicher Teil der DDR-Bevölkerung allerdings aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem alten Regime ohnehin schon hatte. Aber der gute Wille ist das eine, die Fähigkeit das andere, und die gewinnt man nicht durch Besuche im Stasi-Museum, nicht einmal durch die Lektüre von HuG, sondern in der Praxis. Die wiederum muss sich nicht auf das Parlamentarische und den Erwerb von Regelkenntnissen beschränken: Vier Ja-Stimmen, drei Enthaltungen, dreimal Nein … ist der Antrag nun durch? Es gibt auch sonst viel zu lernen, vor allem, sich debattierend die eigenen Interessen bewusst zu machen und zivilisiert miteinander umzugehen – gerade darauf hat man zu DDR-Zeiten in den Friedens-, Ökologie- und 3.-Welt-Gruppen Wert gelegt. Allein schon das rechtfertigt es, das Anknüpfen an das Erbe oppositioneller Gruppen und des Herbstes 1989 in HuG zu dokumentieren und dafür Stiftungsförderung zu beanspruchen. Zumal die konkreten sozialen, ökologischen, globalen usw. Ziele dieser Gruppen sich mit dem 3. Oktober 1990 keinesfalls erledigt haben.

Im übrigen wirft der von der Stiftung genannte Zweck ihrer Arbeit einige Fragen auf. Zum Beispiel, was an diesen Diktaturen kommunistisch war – die Herrschaftsform in der DDR treffend zu benennen ist meines Wissens noch immer ein ungelöstes Problem. Wichtiger noch ist ein Zweites: Ob sich die Probleme der Ökologie oder der Erziehung in der DDR oder ihrer Beziehungen zur sog. 3. Welt usw. usf., die ja alle anzusprechen sind, wenn wir von diesem Staat reden, tatsächlich mit dem Begriff der Gewaltherrschaft hinreichend erfassen lassen, ob sie also allein aus der undemokratischen, in vieler Hinsicht freiheitsbeschränkenden Art der Verhältnisse im Lande erklärbar sind. Hat man allein sie im Blick, dann verengt sich die Revolution vom Herbst 1989 auf die Formel Bürgerrechtler gegen totalitäres Regime, mit der man die Revolution vom Herbst 1989 mühelos ins Museum abschieben kann. Den Friedens-, Ökologie- und 3.-Welt-Gruppen ging es aber, wie man weiß, um mehr. Überhaupt lässt sich mit der Definition der DDR als kommunistische Gewaltherrschaft (oder totalitäres Regime) die Lebenswirklichkeit in diesem Lande nicht hinreichend erfassen, sie ist viel zu staatsfixiert: Der Staat (oder die SED) ordnete an, verhinderte, verbot … – so las ich es zum Beispiel in den Begleittexten der 2018 neu gestalteten Dauerausstellung im Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum. Wie das Volk mit diesen Anordnungen umging und wie sich das wiederum auf das Vorgehen des Staates auswirkte, darüber erfährt man meist wenig bis gar nichts. Es ist allerdings oftmals schwer herauszufinden. Das geplante Heft 4/2007, Wie politisch ist die Aufarbeitung von DDR-Geschichte?, hätte sich auch diesen Fragen widmen können.

Den DDR-Sozialismus allein als kommunistische Gewaltherrschaft zu definieren ist aber noch in anderer Hinsicht von Belang: Es hilft beim Versuch, das Nazisystem und den sog. real existierenden Sozialismus, obwohl sie u.a. auf ganz unterschiedliche Weise zu Ende gegangen sind, zu jenem dunklen Hintergrund zu verschmelzen, von dem sich die heutige Ordnung strahlend abheben kann. Doch wenn wir Geschichte im Interesse der Demokratie aufarbeiten, sehen wir, dass Lüge, Folter, Mord, die Methoden jener Systeme, von denen man sich ideell (oder sollte man eher propagandistisch sagen?) abgrenzt, in Wahrheit dem Staatshandeln bürgerlicher Demokratien keinesfalls fremd sind. Ein Beispiel nur: das Pariser Massaker vom 17. Oktober 1961, das mindestens zweihundert Tote gefordert hat, ohne dass der unmittelbare Hauptverantwortliche, Polizeichef Papon, dafür je zur Rechenschaft gezogen wurde. Im Gegenteil, er hat noch Karriere gemacht. Bürgerliche Demokratien waren auch immer wieder Helfer übelster Diktaturen: Wichtigste Unterstützer des Pol-Pot-Regimes waren neben China Großbritannien und die USA. Zwar gibt es auf dieser Ebene auch beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Herrschaftsformen, aber sie sind, so scheint mir, nicht so groß, wie uns die Apologeten des Bürgerlichen einreden wollen. Noch schlechter fällt die Bilanz dieser Ordnung aus, wenn wir das Wirken des Kapitals einbeziehen. Am deutlichsten zeigt es seine Menschenfeindlichkeit heute da, wo es schwer zu kontrollieren ist, in der sog. 3. Welt, aber auch – jüngstes derzeit bekannt gewordenes Beispiel – auf den Erdbeerplantagen Spaniens. Bei einer schon länger zurückliegenden Diskussion in der SPD-Zentrale, dem Berliner Willy-Brandt-Haus, erinnerte Pfarrerin Ruth Misselwitz vom Pankower Friedenskreis daran, dass wir doch auch die Neugestaltung der Beziehungen zu diesem Teil der Welt angestrebt haben – worauf Neubert sich meldete und das alles als Ideologie hinstellte. Und als ich am gleichen Ort bei der Vorstellung eines Buches von Markus Meckel äußerte, eine Gesellschaft, die auf dem Grundsatz der Konkurrenz beruhe, könne keine wirklich menschliche Gesellschaft sein, bezeichnete der Autor das kurzweg als Unsinn. Dass Kritik dieser Art in HuG zum Thema wurde, passte ihnen also grundsätzlich nicht in den Kram – und nicht nur, weil sie angeblich vom Stiftungszweck nicht gedeckt war. In die gleiche Richtung ging auch Halbrocks Satz von der weinerlichen Dauermeckerschleife der WASG, die in HuG nichts zu suchen habe. hHalbrocks H

XIII.

Die Geschichte von HuG ist jedoch noch nicht zu Ende: Von 2007 bis 2017 erschienen die Nummern 58 bis 82/83, das Blatt wurde nach neuem Konzept gestaltet, dazu farbig gedruckt, es gab Geld für besseres, also teureres Papier, neue Rubriken kamen hinzu, das Feuilleton hingegen verschwand, und auch die Probleme der Vermittlung von DDR-Geschichte wurden nicht mehr thematisiert. Zur Freude der Stiftung, so kann man jedenfalls vermuten, brachte die Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der SED-Diktatur, wie das Blatt im Untertitel nun hieß, auch keine anstößigen Betrachtungen und Pamphlete mehr. Ob ihm all das mehr Leser gebracht hat, halte ich für fraglich – die mangelnde Verbreitung war ja immer wieder eines der wichtigsten Argumente gegen uns. Dass die Auflagenhöhe auf 1000 erhöht wurde – Markus Goldbeck verweist darauf –, beweist in der Hinsicht nichts. Es sind in den fünfundzwanzig Heften sicherlich lesenswerte Beiträge zu finden, und im Editorial von Heft 58 (2/2007) hat die neue Redaktion der alten sogar für ihre Arbeit gedankt. 1968 und die DDR lautete das Hauptthema dieses Heftes; ich habe es ausführlich besprochen und vor allem die Umsetzung dieses Themas kritisiert (siehe Anhang 10), ergänzen will ich noch, dass es gerade hier wichtig gewesen wäre, Beiträge der oppositionellen sozialistischen Linken einzubeziehen. Aber sie kamen nicht zu Wort; ob sie in anderen Heften mit Beiträgen vertreten waren, habe ich nicht überprüft. Mein Text war für das Deutschland-Archiv gedacht, doch es hat die Veröffentlichung abgelehnt. In den Jahren darauf habe ich mich eher literarischen Dingen gewidmet und um das Blatt kaum mehr gekümmert, kann daher nur noch von zwei Begebenheiten aus jener Zeit berichten.

Im Sommer 2011 bekam ich – von wem, weiß ich nicht mehr, und ich weiß auch nicht mehr, mit welchen Zusatzinformationen versehen – eine Mail, die zwei Texte enthielt; der eine stammte von Thomas Klein, der andere von Gerold Hildebrand. Es hatte damit folgende Bewandtnis: Der sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Michael Beleites, war nach seinem Ausscheiden aus dem Amt mit kritischen Gedanken über die Art und den Stand der Aufarbeitung von DDR-Geschichte hervorgetreten, Thomas Klein hatte, zum Teil daran anknüpfend, weitere Überlegungen dazu angestellt und das Ergebnis der Redaktion HuG angeboten. Die jedoch lehnte eine Veröffentlichung ab, Begründung: Platzmangel. Und dann schickte Hildebrand, noch immer Redaktionsmitglied, eben diesen Text ohne Wissen des Autors einem größeren Personenkreis zu und kommentierte ihn folgendermaßen:

Ein paar Anmerkungen diesem Empfängerkreis zur Kenntnis.
Es ist nicht alles falsch, was Thomas Klein schreibt. Die Zitate aus dem Text von Michael Beleites sind so weit richtig. Es ist auch sein gutes Recht, sich zu äußern. Niemand hindert ihn daran. Auch nicht daran, zu versuchen, Gefolgschaft anzuwerben. Man muss nur nicht mit tun.
Und sicher wird es eine interessante Veranstaltung am 6. Juni 20 Uhr im Kaffee Burger, wo Michael Beleites und Ilko Kowalczuk miteinander diskutieren.
Weitere Infos siehe: http://www.horch-und-guck.info/hug/veranstaltungen/
Es erscheint mir müßig, auf die im marxistischen Weltbild befangenen Thesen einzugehen. Schon ab Mitte der 70er gab es kaum noch Oppositionelle, die an einen “demokratischen Sozialismus“ glaubten. Außerdem ist das ein Begriff, der so viele Inhalte aufweist, wie er damals Verfechter hatte. Also (seien wir mal großzügig) etwa hundert verschiedene.
Und was hat Klein eigentlich gegen die soziale Demokratie, die im Grundgesetz der Bundesrepublik verankert ist?
Nur mal ein Punkt zur Klarstellung:
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur kann gar nicht Angelegenheiten fördern, die nicht mit ihrer Zweckbindung zu tun haben. Das weiß auch Thomas Klein – spätestens seit dem Versagen der alten Reaktion, die in diesem Förderer augenscheinlich den Klassenfeind sah. Es steht ja der Vereinigten Linken (VL) frei, eine „Stiftung zur Lösung aller Probleme der Welt“ zu gründen und dann eine entsprechende Zeitung herauszugeben. Die VL müsste doch noch existieren als Plattform innerhalb oder außerhalb der SED/ML, oder?
Eine Zeitung DER Bürgerbewegung unter Vorsitz der greisen, weisen Volkspapas aus dem „linken Spektrum“ ist Horch und Guck eben nicht. Es verhindert jedoch niemand ein solches Unterfangen, wie die Existenz des telegraphII-ostblogcs beweist. Ein bürgerbewegtes Diskussionsforum hatte E. O. Müller herausgegeben, das war aber ganz was anderes, nämlich: pluralistisch. Doch wo ist eigentlich DIE Bürgerbewegung organisiert? Sicher nicht in der VL. Das war sie schon damals nicht.
Tja, es ist wohl wirklich schlimm, dass es Hartz IV gibt. Unter Honecker und Krenz hätte es so was nie gegeben! Und dann auch noch Westgeld. Igitt! Und die Wirtschaft des SED-Staats wäre ganz sicher voll erblüht, hätte man erst mal alle Friedlichen Revolutionäre erschossen. Der Rest würde volle Entscheidungsfreiheit genießen: Arbeitslageraufseher oder -insasse. Und zur Rotlichtbestrahlung sonntags würde dort immer eingeimpft: Der Hauptwiderspruch der Epoche ist der zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Ein Glück, dass diese „Epoche“ vorbei ist. Und mit der UB hat das alles nicht sehr viel zu tun. Außer dem Umstand, dass sich dort alle treffen konnten. Mit und ohne Tunnelblick.
Gh

Ich habe darauf die Redaktion per Mail zweierlei gefragt: Zum einen, weshalb sie unter dem Vorwand von Platzmangel die Veröffentlichung des Textes abgelehnt habe, obwohl ihr Pluralität doch angeblich wichtig sei? Denn dass es sich um einen Vorwand handelte, schien mir Hildebrands Kommentar klar zu erweisen. Zum anderen, das war an Hildebrand gerichtet, wessen Meinung er mit der Passage Tja, es ist doch wirklich schlimm … zum Ausdruck bringen wolle und mit welchem Recht er sie dem Betreffenden zuschreibe? Nicht mehr in Erinnerung habe ich, weshalb der skandalöse Umstand, dass der Text ohne Wissen des Autors versandt worden war, bei mir unerwähnt blieb. Benn Roolf (Redaktion HuG) antwortete mir:
Sehr geehrter Herr Weinholz,
ich würde die Redaktion nicht vorschnell mit ungerechtfertigten Unterstellungen überziehen. Auch die bei Ihnen anscheinend schon länger vorhandene Meinung, wir wollten hier irgendeine Debatte unterdrücken, klingt nicht gerade souverän.
Fakt ist, dass das Heft zum Zeitpunkt der Einreichung des Textes bereits übervoll war und wir gute andere Artikel rausnehmen bzw. verschieben mussten. Es steht Ihnen natürlich frei, diesen Sachzwang zu ignorieren – wir können das nicht. Einen Vorwurf lasse ich mir daraus allerdings nicht machen, wenn ich den irdischen Gesetzen der Sachzwänge folge und nicht in ideologischen Wolkenkuckucksheimen unterwegs bin.

Meine Antwort: Es gebe ja immer die Möglichkeit, den Autor um Geduld zu bitten und den Text fest für das nächste oder übernächste Heft einzuplanen. Und weiter: Wie Sie zu der Ansicht kommen konnten, ich sei schon länger der Meinung, bei HuG würde man Debatten unterdrücken, ist mir unklar – ich habe mich zuvor nicht in dieser Weise geäußert. Auf Debatten, in denen man zum Beispiel als Revolutionsopa bezeichnet wird, der im ideologischen Wolkenkuckucksheim haust, kann ich allerdings verzichten.
Dazu hat sich Benn Roolf nicht mehr geäußert; Gerold Hildebrand hat auf meine Fragen ohnehin nicht geantwortet (die gleiche Erfahrung hatte 2007 auch Dirk Moldt gemacht): Er wollte verleumden und nicht diskutieren.
Was sich in den letzten Monaten des Folgejahres ereignet hat, könnte man als den Beginn der finalen Systemkrise von HuG bezeichnen. Sie zog sich allerdings erheblich länger hin als die der DDR, nämlich gut fünf Jahre. Ich muss zudem sagen, dass ich über all die Vorgänge in dem Zusammenhang nur vom Hörensagen weiß. Reinhard Schult hatte 2007 – ich kann aber nicht sagen, wo und aus welchem Anlass –, behauptet, der Kurs von HuG werde sich nach Entlassung der alten Redaktion nicht ändern. Da irrte er sich: Mit Redaktionsmitgliedern wie Gerold Hildebrand war ein kritischer Blick auf die bürgerliche Ordnung nun einmal nicht möglich. Irgendwann im Jahre 2012 scheint Schult aber eine Chance gesehen zu haben, sich endlich durchzusetzen: Er entließ – wie er das als stellvertretender Vorsitzender hatte bewerkstelligen können, ist mir unklar –, die alte Redaktion und ernannte eine neue: Andreas Förster, Ute Rüchel (beide verantwortlich im Sinne des Presserechts), dazu Joachim de Haas, der zu der Zeit schon nicht mehr Vereinsvorsitzender war. Das von ihnen verantwortete Heft 78 (4/2012) habe ich mir gekauft, es war vermutlich das beste seit langem: Kritik des Ostens, aber auch, in geringerem Umfang natürlich, Kritik des Westens (u.a. mit einem Beitrag über die illegale Kontrolle von Post aus der DDR), wichtige Aktualitäten (so zum Thema IKEA und DDR-Häftlingsarbeit) sowie ein kluger, höchst aufschlussreicher Text einer Gdansker Autorin über die Mythologisierung der Rolle Lech Walesas im polnischen Oktober. Die Folge war aber, dass er auf einer Vereinsversammlung für seine Kompetenzüberschreitung, die typisch war für seinen autoritären Führungsstil, gnadenlos zusammengestaucht wurde – ich muss sagen: zu Recht. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel.
Wurde nun die vorherige Redaktion wieder in ihre Rechte eingesetzt, oder hat man für 2013 eine neue berufen? Jedenfalls kam nur noch ein Heft zustande, von 2014 an war das Leipziger Bürgerkomitee Projektträger. Tobias Hollitzer, der meines Wissens dort den Kurs bestimmt, versprach viel, hielt wenig: Auch in jenem Jahr erschien nur ein einziges Heft, für 2015 bewilligte ihm die Stiftung schon keine Mittel mehr. Welche Gründe das hatte, habe ich nie erfahren, politischer Art können sie keinesfalls gewesen sein. Für drei Hefte hatte das Leipziger Bürgerkomitee noch Geldgeber auf Landesebene gefunden, es wurden dann aber nur zweieinhalb, das letzte, Heft 82/83, für 2016 angekündigt, erschien erst 2017. Doch darauf kam es schon nicht mehr an.
XIV.
Die Stiftung hat sich im Konflikt um HuG durchgesetzt, hat dem Blatt im Verein mit Vertretern der Aufarbeitungsszene den spezifischen Herbstgeist ausgetrieben. Allerdings um den Preis, das wichtigste Printmedium der unabhängigen … nein, das kann man wohl nicht sagen, denn wer am Tropf der Stiftung Aufarbeitung hängt, ist nicht unabhängig … der zivilgesellschaftlichen Aufarbeitung Schritt für Schritt ruiniert zu haben. Operation gelungen, Patient tot sagt der Volksmund in solchen Fällen. Beide, die Zeitschrift HuG wie die Stiftung, sind, wenn auch mit einigem zeitlichen Abstand, im Ergebnis der 89er Herbstrevolution entstanden, stehen aber für zwei unterschiedliche politische Kulturen. Die Redaktion von HuG war bemüht, das Erbe dieses Herbstes für die Gegenwart fruchtbar zu machen; im Verhältnis zur Stiftung hieß das, die Transparenz der Entscheidungshintergründe und Gleichheit im Gespräch zu fordern. Die Stiftung hingegen beerbte, wie schon gesagt, den Obrigkeitsstaat. Das geht bis in die Wortwahl: … HuG mit großem Wohlwollen begleitet … Eigentlich hätte die Stiftung sich am Arbeitsinhalt der bestehenden Projekte orientieren müssen, tatsächlich aber war es umgekehrt: Die Projekte sollten ihre Arbeit voll und ganz am Stiftungsweck ausrichten. Was dazu ihrer Meinung nach nicht passte, hatte zu unterbleiben, ansonsten drohte Förderungsverlust. In den Begründungen war sie nicht wählerisch; uns zu diffamieren war überhaupt die wichtigste Methode derer, die sich in diesem Konflikt gegen uns gestellt hatten. Ich hätte dazu noch erheblich mehr sagen können, etwa mit Blick auf den Brief der Beiratsmehrheit aus Anlass ihres Austritts, doch ist das Gesagte wohl schon aussagekräftig genug. Politische Kritik als Kritik mangelnder fachlicher Qualität zu tarnen war übrigens schon zu DDR-Zeiten üblich, die große politische Keule wurde in ihrer Spätphase nur im Notfall hervorgeholt. Neu und systemspezifisch war der immer im Nebulösen bleibende Vorwurf politischer Einseitigkeit und mangelnder Pluralität. Hier will ich noch einmal Goldbeck zitieren: Das Ziel »Pluralität in der Aufarbeitung« und die konsequente Umsetzung eines geschichtspolitischen Anspruchs sind zumindest mit der gegenwärtigen Förderpraxis kaum zu vereinbaren. Aber ist es unter solchen Voraussetzungen überhaupt sinnvoll, unsere Förderungswürdigkeit beweisen zu wollen? Ich denke schon: Es wird so das ungenutzte bzw. verdrängte Potential dieses Herbstes deutlich. Ob das noch jemanden interessiert, ist allerdings die große Frage.

Wir haben in dieser Konfliktzeit sicherlich manches versäumt: Über die möglichen Folgen von Auseinandersetzungen mit den Mitgliedern des Beirats hatten wir, d. h. vor allem: hatte ich kaum nachgedacht, mir fehlte hier auch die Erfahrung. Zudem hatte ich einige der von uns vorgeschlagenen Kandidaten falsch eingeschätzt. Nur bei Kowalczuk war mir klar, dass wir da ein Risiko eingehen, doch wollte ich mich wegen dieser Personalie nicht mit dem neuen Vereinsvorsitzenden streiten. Vor allem aber wäre es wichtig gewesen, Schults Piratentaktik etwas entgegenzusetzen; hier haben Vorstand und Redaktion völlig versagt. Woran es bei den anderen lag, weiß ich nicht; ich selbst hatte anscheinend nach dem enttäuschenden Verlauf der Veranstaltung im Haus der Demokratie für weitere Kämpfe nicht mehr genug Kraft. Wir waren von der Situation auch überfordert; unser Scheitern hatte viel zu tun mit dem Fehlen eines breiteren Umfeldes, das bereit war, uns auf vielfältige Weise zu unterstützen. Darum hätten wir uns rechtzeitig kümmern müssen, ich war dafür jedoch ungeeignet, war auch nie im Metzer Eck, um dort mit Schult beim Bier die Weltlage zu bereden, habe nie bei der Bundesbeauftragten gesessen, um später im Bekanntenkreis zu raunen: Ja, und dann sagte die Marianne zu mir …
Selbst ein größeres unterstützendes Umfeld hätte das Überleben unseres Blattes jedoch nicht unbedingt gesichert. Denn HuG konnte mit seinem Themenspektrum nie eine Verbreitung erreichen, die es ermöglicht hätte, auf eigene Kosten einen Redakteur anzustellen. Spenden, Förderabos und dergleichen hätten daran nichts geändert, das Blatt hätte also weitgehend ehrenamtlich redigiert werden müssen. Die junge Welt vom 10. Januar 2007 zitiert Stefan Wolle, eben das sei bei Publikationen dieser Art auf Dauer nicht möglich. Das stimmt vielleicht nicht unbedingt, doch im Falle von HuG sicherlich: Zwar brauchte das Weitererscheinen zunächst eine finanzielle Grundlage, das Weitererscheinen auf erreichtem Niveau und mit gleicher Orientierung aber war eine personelle Frage. Dass sich Jüngere gefunden hätten, die HuG im bisherigen Geist ehrenamtlich hätten redigieren wollen und können, halte ich aber für wenig wahrscheinlich. Doch wenn es gelungen wäre, hätte sich der Themenschwerpunkt aus subjektiven und objektiven Gründen wahrscheinlich in Richtung Gegenwart verschoben, u.a. hin zur Kritik des bisherigen Umgangs mit der DDR-Geschichte und seinen gesellschaftlichen Folgen. Gerade jüngste Diskussionen (Stichwort Oschmann) haben gezeigt, dass hier ein beträchtliches Interesse besteht.
Einen Aufarbeitungsverein Bürgerkomitee 15. Januar gibt es im übrigen bis heute. Er hat seinen Sitz im Haus 1 des Stasi-Geländes an der Normannenstraße, entwickelt mancherlei Aktivitäten, über die er auf seiner Webseite informiert, und ist Herausgeber eines Blattes namens H-und-G.info Heute und Gestern. Das Aufarbeitungsforum im Internet. Vorsitzender des Vereins ist Christian Booß; wer sonst noch mitwirkt und in welchem Verhältnis der Verein zum einstigen Bürgerkomitee 15. Januar steht, war für mich nicht zu erkennen.
***
Für die Unterstützung der Arbeit von HuG danke ich insbesondere Renate Hürtgen, Carlo Jordan, Klaus Wolfram und Stefan Wolle, für Beratung und Unterstützung beim Schreiben dieses Textes Sebastian Gerhardt, Werner Kiontke, Dirk Moldt und Susanne Rohland.
Berlin, Juni bis Dezember 2023.

Personenverzeichnis

Bürgerkomitee 15. Januar
Halbrock, Christian, geb. 1963 in Crivitz (Mecklenburg), zu DDR-Zeiten in der kirchlichen Jugendarbeit tätig, Mitbegründer der Umwelt-Bibliothek, nach 1990 Promotion zum Dr. phil., Historiker, zeitweise Mitarbeiter der BStU, 2003 bis 2006 Vorsitzender des Bürgerkomitees.
Schult, Reinhard, geb. 1951 in Spandau, gest. 2021 in oder bei Bernau, Bau-Facharbeiter, Aktivist der DDR-Opposition und des Neuen Forums, das er am Zentralen Runden Tisch vertrat, in den neunziger Jahren Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, bis 2001 Vorsitzender des Bürgerkomitees.
Wolle, Stefan, geb. 1950 in Halle/S., Dr. phil., Historiker, 1990 Mitbegründer des Unabhängigen Historiker-Verbandes, Autor einer Vielzahl von Werken zur DDR-Geschichte, Museumsarbeit. 2001 bis 2003 und 2006/2007 Vorsitzender des Bürgerkomitees.

Redaktion Horch und Guck
Bei Redaktionsmitgliedern, die nach der Entlassung der Redaktion im Jahre 2007 in nachfolgenden Redaktionen mitgearbeitet haben, habe ich nicht ermittelt, wann sie zuletzt aus der Redaktion ausgeschieden sind.
Beleites, Johannes: geb. 1967 in Halle/S., Elektriker, Jurist, Mitarbeit in der kirchlichen Öko- und Friedensbewegung, insbesondere als Fotograf; in Leipzig an der Stasi-Auflösung beteiligt, später an der Evangelischen Akademie Tübingen tätig. Veröffentlichungen zum Thema MfS. Redaktionsmitglied von 2003 bis 2004 sowie in der neu berufenen Redaktion ab 2007.
Boche, Uwe: geb. 1966 in Berlin, Aktivist der Stasi-Auflösung in Berlin, Anstellung beim Bürgerkomitee, Redaktionsmitglied von 1993 bis 2007, war u. a. bis 1996 für das Layout und bis zuletzt für die Webseite verantwortlich.
Demke, Elena: geb. 1968 in Magdeburg, Historikerin, seit 1999 Mitarbeiterin beim Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen/ für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, einschlägige Veröffentlichungen, u.a. für die Bildungsarbeit. Redaktionsmitglied ab 2005, zunächst probehalber, ab 2006 mit Nennung im Impressum; ab 2007 in der neu berufenen Redaktion.
Hildebrand, Gerold: geb. 1955 in Lauchhammer, Krankenpfleger, Sozialwissenschaftler, an der Arbeit der Berliner Umweltbibliothek beteiligt, im Herbst 1989 Mitorganisator der Aktionen an der Gethsemanekirche, Mitarbeiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Gast-Redakteur 2007, ab 2007 in der neu berufenen Redaktion.
Jander, Martin: geb. 1955 in Freiburg/Breisgau, Historiker, Dr. phil., in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, später u. a. im Forschungsverbund SED-Staat tätig, Redaktionsmitglied von 2001 bis 2004.
Kiontke, Werner:
geb. 1945 in Rotenburg, Kunsthistoriker, Mitarbeiter bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ab 1992 Mitarbeiter des Bürgerkomitees, von 1994 bis 2007 Mitglied der Redaktion, bis 2001 und 2003/2004 Hauptverantwortlicher für das Blatt bzw. angestellter Redakteur, ab 1997 bis 2006 durchgängig für das das Layout zuständig.
Konopatzky, Stephan:
geb. 1963 in Berlin, Facharbeiter für Nachrichtentechnik, Unterstützung der Arbeit oppositioneller Gruppen, 1990 u.a. Mitarbeit in der Operativen Gruppe der AG Sicherheit des Zentralen Runden Tisches, ab 1991 Mitarbeiter der BStU. Mehrere Jahre Vorstandsmitglied des Bürgerkomitees, Mitglied der Redaktion von 2001 bis 2007.
Moldt, Dirk:
geb. 1963 in Berlin, Uhrmacher, später Hauswirtschaftspfleger, Historiker, Dr. phil., war in der kirchlichen offenen Jugendarbeit, in der Kirche von unten und weiteren oppositionellen Zusammenhängen tätig, als Historiker Arbeit zu Themen aus diesem Bereich sowie zur Geschichte Siebenbürgens. Mehrere Jahre Vorstandsmitglied des Bürgerkomitees, Mitglied der Redaktion von 2000 bis 2007.
Weinholz, Erhard:
geb. 1949 in Brandenburg a. d. H., Hochschulökonom, Dr. phil., Autor u.a. von Sachtexten und literarischer Prosa; Assistent an der Akademie der Wissenschaften der DDR, dort aus politischen Gründen ausgeschieden, von 1989 bis zur Auflösung 2013 Mitglied der Initiative für eine vereinigte Linke (VL), 1990 u.a. Mitarbeiter im Arbeitssekretariat des DDR-Sprecherrates der VL, 2001 bis 2007 Redaktionsmitglied, 2002 und 2005/2006 angestellter Redakteur.

Beirat der Redaktion
Ahrberg, Edda: geb. 1954 in Emmerich am Rhein, aufgewachsen in Aschersleben, Theologin, 1990 an der Stasi-Auflösung in Magdeburg beteiligt, 1994 bis 2005 Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen in Sachsen-Anhalt.
Golz, Hans-Georg: geb. 1961, Dr. phil., Redakteur des Deutschland-Archivs, danach in der Redaktion von Aus Politik und Zeitgeschichte, dann Leiter des Fachbereichs Print der Bundeszentrale für politische Bildung.
Hollitzer, Tobias: geb. 1966 in Leipzig, Möbeltischler, Restaurator, Mitarbeit an 3.-Welt- und Umweltgruppen, 1989/90 an der Stasiauflösung beteiligt, Geschäftsführer des Bürgerkomitees Leipzig.
Hürtgen, Renate: geb. 1947 in Berlin, Kulturwissenschaftlerin, Dr. phil., bis 1992 Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften der DDR, Beteiligung am Friedrichsfelder Friedenskreis, 1989/90 eine der Initiatorinnen der Initiative Unabhängige Gewerkschaften, Mitarbeiterin am Zentrum für zeitgeschichtliche Forschung Potsdam, Veröffentlichungen zu Themen der DDR-Sozialgeschichte.
Jordan, Karl-Heinz (Carlo): geb. 1951 in Berlin, gest. 2023 ebenda, Bauingenieur, Bauleiter, Dr. phil., in der Berliner Kulturopposition aktiv, einer der wichtigsten Protagonisten der DDR-Umweltbewegung, Mitbegründer der Berliner Umwelt-Bibliothek, des Netzwerks Arche und der Grünen Partei in der DDR, 1994/95 Mitglied des Abgeordnetenhauses.
Kowalczuk, Ilko-Sascha: geb. 1967 in Berlin, Baufacharbeiter, Historiker, Dr. phil., betätigte sich 1990 in der VL Prenzlauer Berg, später Mitarbeiter der Stiftung Aufarbeitung, dann beim BStU, Autor einer Vielzahl von Arbeiten insbesondere zur DDR-Geschichte.
Neubert, Ehrhart: geb. 1940 in Herschdorf, Theologe, Historiker, Dr. phil., 1989 Mitbegründer und stellvertretender Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs, gelangte später über Bündnis 90/Grüne zur CDU. Fachbereichsleiter beim BStU, zeitweise Vorstandsmitglieder der Stiftung Aufarbeitung. Verfasser u.a. einer Geschichte der DDR-Opposition (1997).

Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Eppelmann, Rainer: geb. 1943 in Berlin, Maurer, Theologe, wegen Wehrdienstverweigerung acht Monate inhaftiert, als Pfarrer vor allem in der oppositionellen kirchlichen Jugendarbeit engagiert, 1989/90 Mitbegründer und stellvertretender Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs, dann in der CDU. 1990 DDR-Abrüstungs- und Verteidigungsminister, bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages, seit 1998 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Aufarbeitung.
Grünbaum, Robert: geb. 1967 in Leipzig, Politikwissenschaftler, Dr. phil., seit 2000 Bereichsleiter politische Bildung bei der Stiftung Aufarbeitung, Mitverfasser diverser Broschüren.
Kaminsky, Anna (eigentlich Annette): geb. 1962, Sprachwissenschaftlerin, Dr. phil., seit 1998 bei der Stiftung Aufarbeitung tätig, seit 2001 als Geschäftsführerin (laut Webseite der Stiftung seit 2001als Direktorin) der Stiftung, seit 2021 Vorstandsmitglied der Stiftung; Verfasserin mehrerer Bücher u.a. zur DDR-Konsumkultur.
Meckel, Markus: geb. 1952 in Müncheberg, Theologe, Pfarrer, in der unabhängigen kirchlichen Friedensbewegung aktiv, Mitbegründer der SDP/SPD in der DDR, 1990 DDR-Außenminister, bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages, seit 1998 Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung.

Anhang 1: Hauptthemen „Horch und Guck“

Die Hefte 1 bis 6 hatten kein Hauptthema.

1993
Heft 7: IM-Problematik Heft 8: DDR-Spionage-Krimis
Heft 9: Zur Stasi-Auflösung Heft 10: Widerstandsgruppe Rote Kapelle

1994
Heft 11: Kunst in der DDR Heft 12: DDR-Rechtswesen
Heft 13: Koko-Bundestags-Ausschuß

1995
Heft 14: Zur IM-Problematik Heft 15: PDS und Geschichte
Heft 16: Friedensarbeit in der DDR Heft 17: Knast

1996:
Heft 18: Vergangenheitsklärung Heft 19: Oskar Brüsewitz

1997:
Heft 20: Mißbrauchtes Vertrauen (jugendliche IMs) Heft 21: Charta 77

1998:
Heft 22: Rudolf Bahro Heft 23: Leipzig im Herbst 89
Heft 24: Mecklenburg-Vorpommern

1999
Heft 25: Thüringen Heft 26: Jürgen Fuchs
Heft 27: Mißbrauch von Psychologie/Psychiatrie
Heft 28: Sascha Anderson/ Besetzung der Bezirks- und Kreisämter des MfS

2000
Heft 29: Besetzung und Auflösung der Stasi-Zentralen/Sascha Anderson
Heft 30: Besetzung der Stasi-Zentrale Berlin
Heft 31: Untergrundzeitschrift „Entwerter/Oder“
Heft 32: Opposition und Repression im Land Brandenburg

2001
Heft 33: Wahrheits- und Versöhnungskommissionen Heft 34: Frauen
Heft 35: Blick auf Berlin Heft 36: Polizei

2002
Heft 37: Konflikte in der DDR 1958 bis 1968 Heft 38: Zivilcourage
Heft 39: Rehabilitierung in der DDR politisch Verfolgter
Heft 40: Alte Nazis und Neonazis in der DDR

2003
Heft 41: DDR-Landwirtschaft Heft 42: Fünfzig Jahre 17. Juni 1953
Heft 43: Ökonomie in der Ära Honecker
Heft 44: Bewältigung der NS-Vergangenheit in der DDR

2004:
Heft 45: Antikommunistischer Widerstand in Osteuropa nach 1945
Heft 46: Bausoldaten Heft 47: DDR-Schulkonflikte Heft 48: Vergessen

2005:
Heft 49: 15 Jahre Herbstrevolution – 15 Jahre BStU
Heft 50: Vermittlung von DDR-Geschichte
Heft 51: Sportwunderland DDR Heft 52: Boheme in der DDR

2006
Heft 53: Die DDR und der Osten Heft 54: Zeitzeugen und Historiker
Heft 55: Westarbeit des MfS Heft 56: Rituale in der politischen Kultur der DDR

2007
Heft 57: 25 Jahre Friedenswerkstatt Heft 58: 1968 und die DDR

2008
Heft 59: Tödliches System. Wenn das Regime lebensgefährlich wird
Heft 60: Von Asozial bis Zwangsarbeit Sonderheft 2008: Weggesprengt.
Heft 61: Jacke wie Hose? Heft 62: Jahrestage. Von Jubeldaten und Tabu-Terminen

2009
Heft 63: Lebenswelt Revolution. Vom 7. Oktober bis zum 3. Oktober
Heft 64: Heruntergewirtschaftet. Die traurige Bilanz der DDR-Ökonomie
Heft 65: Lebenswelt Opposition. Zwischen Ausgrenzung und Selbstbehauptung
Heft 66: Alles Stasi – oder was? Die vergessenen Verantwortlichen der SED-Diktatur

2010
Heft 67: Der Osten im Westen. Blicke „von drüben“ auf die DDR
Heft 68: Recht und Gerechtigkeit. Ein Widerspruch bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur?
Heft 69: Tal der Ahnungslosen? Die Medienlandschaft der DDR
Heft 70: Ständig gefechtsbereit. In der Armee eines militarisierten Staates

2011
Heft 71: Sperrgebiet. Grenzfälle nach dem Mauerbau Heft 72: Sozialistisch lernen
Heft 73: Armut in der DDR Heft 74: Antifaschismus

2012
Heft 75: Sport im SED-Staat
Heft 76: Grauer Nebel und bunte Flüsse
Heft 77: Gebauter Sozialismus
Heft 78: „Brot – Wohlstand – Schönheit“? Wissenschaft und Technik in der DDR

2013
Heft 79: Aufstandsjahr 1953

Leipziger Ausgaben:

2014
Heft 80: Wieviel SED steckt in der Linkspartei?

2015
Heft 81: Kriegserklärung an Europa. Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen
Das nächste Heft war für 2016 angekündigt worden, erschien aber erst
2017: Heft 82/83: Friedliche Revolution und Deutsche Einheit
/mehr nicht erschienen/

Anhang 2: Redaktionsstatut vom Dezember 2002, aufgehoben am 2. Mai 2007.

1) Die Zeitschrift „Horch und Guck“ wird vom Bürgerkomitee 15. Januar e. V. herausgegeben und von der Reaktionsgruppe ausgehend vom statutenmäßigen Vereinszweck des Bürgerkomitees redigiert.
2) Die Redaktionsgruppe redigiert „Horch und Guck“ eigenverantwortlich. Sie entscheidet über die Prinzipien ihrer Beschlußfassung und den Erscheinungsrhythmus des Blattes, legt langfristig die Hauptthemen der Hefte fest und entscheidet, welche ihrer Mitglieder für das Heft oder Teile davon inhaltlich und damit im Sinne des Presserechts verantwortlich sind. Außerredaktionelle Beilagen bedürfen der Zustimmung durch die Redaktion.
3) Der vom Verein angestellte Redakteur informiert im Auftrag der Redaktionsgruppe den Vereinsvorstand regelmäßig über die Themenplanung, den Stand der Arbeit am aktuellen Heft und weitere das Erscheinen der Zeitschrift betreffende Fragen.
4) Die Berufung und Abberufung von Mitgliedern der Redaktionsgruppe sowie die Einstellung und Entlassung des angestellten Redakteurs sind nur im Einvernehmen der Mehrheit von Vorstand und Redaktionsgruppe möglich. Bei fehlendem Einvernehmen entscheidet die Mitgliederversammlung.
/Von der Redaktionsgruppe am 19. 9. 2002 als Antrag an die Mitgliederversammlung beschlossen und von dieser am 18. 12. 2002 bestätigt./
Heft 79: Aufstandsjahr 1953

Anhang 3: Entwurf eines Briefes der Redaktion an die Stiftung Aufarbeitung (15. 12. 2003).

Betr.: Ihr Schreiben vom … an…
Sehr geehrte….
Die Redaktion der Zeitschrift HuG ist nach Kräften bemüht, den Leserinnen und Lesern dieses Blattes Qualität zu bieten. Wie die Ergebnisse der im Jahre 2002 veranstalteten Leserbefragung zeigen, mit einigem Erfolg: … Verbesserungsmöglichkeiten gibt es hier sicherlich dennoch. Wir finden es daher grundsätzlich begrüßenswert, daß auch seitens der Stiftung Aufarbeitung entsprechende Überlegungen angestellt werden. Den dabei eingeschlagenen Weg halten wir jedoch nicht für akzeptabel: Ein (obendrein anonym bleibender) Gutachter macht Vorschläge, die uns als der Weisheit letzter Schluß zu gelten haben – falls wir sie nicht befolgen, wird uns mit Förderungsentzug gedroht. Ein solches Vorgehen ist unseres Erachtens nicht nur uneffektiv, wir empfinden es auch als entwürdigend. Es widerspricht jenem Verständnis von Demokratie, das wir als Redaktion einer Zeitschrift vertreten, die in der Tradition der demokratischen Bewegung vom Herbst ‘89 steht. Dem entsprechend sollten die in Ihrem Schreiben genannten Vorschläge, die uns teils nützlich, teils aber auch konkretisierungsbedürftig oder unpraktibel zu sein scheinen, lediglich der Ausgangspunkt eines Gesprächs sein, bei dem alle beteiligten Seiten ihre Standpunkte äußern können und schrittweise eine möglichst weitgehende Verständigung erreicht wird. Insbesondere sollte bei einem solchen Gespräch deutlich werden, wie die angemahnten Verbesserungen trotz der mit dem Zuwendungsbescheid für 2004 erheblich gekürzten Mittel für Personalausgaben, d.h. auch für Honorare, ermöglicht werden könnten.
Wir bitten Sie, unser Schreiben dem zuständigen Gremium zuzuleiten.

Mit ….

Hinter „Herbst ‘89 steht“ könnte man auch noch einfügen: Einer Tradition, der sich unseres Wissens auch die Stiftung Aufarbeitung verpflichtet fühlt.

Anhang 4: Schreiben Erhard Weinholz im Auftrag der Redaktion HuG an den Geschäftsführenden Ausschuß der VL

Berlin, 7. Juli 2006
Liebe Freunde vom GFA,
als angestellter Redakteur der Zeitschrift „Horch und Guck“ wende ich mich im Auftrag der Redaktion mit einer Bitte um finanzielle Unterstützung an euch, die von der VL Berlin unterstützt wird.
Unser Blatt erscheint seit 1992, wird derzeit zum größten Teil von der Stiftung Aufarbeitung finanziert und thematisiert vor allem die Geschichte von Opposition und Repression in der DDR, wobei wir das Schwergewicht auf das oppositionelle Handeln legen. Und zwar aus gutem Grunde: Wir wollen damit die Brücke zur Gegenwart schlagen. Denn es ist uns wichtig, zum einen die heutige Innen- und Sicherheitspolitik kritisch zu beleuchten, zum anderen Gruppierungen und Einzelpersonen zu Wort kommen zu lassen, die über den Bereich der Geschichtsaufarbeitung hinaus im Sinne der Bürgerbewegungen des Herbstes 1989 auf verschiedenen Feldern aktiv werden.
Die Stiftung Aufarbeitung und der von ihr benannte Vertreter in unserem Beirat, Ehrhart Neubert, einst Bündnis 90, jetzt CDU, stellen dieses Konzept jedoch in Frage. Im Zusammenhang mit dem Finanzierungsbescheid für 2006, der erhebliche Kürzungen brachte, wurden zum Beispiel folgende Kritikpunkte benannt:
„Wiederholt werden politische Aufrufe oder Polemiken abgedruckt, die für eine ‚historisch-literarische Zeitschrift‘ eher untypisch sind.
Die Auswahl der Autoren für ‚Horch und Guck‘ stellt zunehmend die wissenschaftliche und politische Pluralität der Zeitschrift in Frage.
Der Abdruck zahlreicher Eigenbeiträge und Kommentare des verantwortlichen Redakteurs zu Autorenbeiträgen berührt zunehmend kritisch die gebotene Neutralität der Redaktion.“
Kurz und gut, denen paßt unsere Richtung nicht. Das wurde auch in einem Gespräch der Stiftungs-Geschäftsführerin mit einem Beiratsmitglied deutlich: Wenn unser Blatt sich „bessere“, hieß es da, dann könne man auch wieder über mehr Geld zum Beispiel für die Redakteursstelle reden.
Die Redaktion, die darin vom Vereinsvorstand unterstützt wird, hat diese Einmischungspolitik satt, wir möchten weiterhin der oben skizzierten Konzeption folgen. Falls die Stiftung unseren Antrag für 2007 nicht in der vorliegenden Form unterstützt, uns erneut Auflagen macht o.ä.., sind wir gewillt, das Blatt weitgehend ehrenamtlich herauszubringen, allerdings in verringertem Umfang. Hierfür brauchen wir aber finanzielle Unterstützung, denn das Blatt trägt sich nicht selbst (s. Überschlagsrechnung am Schluß), und das Bürgerkomitee als Herausgeber hat auch nicht die Mittel, über die jetzt schon gegebene Unterstützung hinaus das zu erwartende Defizit abzudecken.
Der Finanzierungsbescheid der Stiftung für 2007 wird Mitte Dezember vorliegen. Wir wollen, falls er nicht in unserem Sinne ist, eine LeserInnenkonferenz einberufen, auf der u.a. über die finanzielle Sicherung unseres Blattes gesprochen werden soll, etwa über die Bildung eines UnterstützerInnenkreises. Dennoch sind wir auch auf größere Spenden angewiesen. Und da wir mit der nach Suche nach entsprechenden Spendern nicht erst Mitte Dezember beginnen können, bitte ich euch schon jetzt um eine Entscheidung in der Sache:
uns für 2007 mit einer Spende von 1000 Euro zu unterstützen.
Falls wir sie nicht in Anspruch nehmen müssen, würde ich euch informieren. Ihr würdet von mir auch eine Abrechnung für 2007 bekommen, damit ihr seht, wie unser Geld verwendet wurde.
Viele Grüße,
(…)

Anhang 5: Schreiben der Redaktion HuG an den Beirat der Zeitschrift HuG

Berlin, 29. November 2006
Liebe Beiratsmitglieder,
die große Mehrheit der Redaktionsmitglieder empfindet die Vorgehensweise der Stiftung Aufarbeitung, wie sie insbesondere im Stiftungsbescheid vom Dezember 2005 zum Ausdruck kam, als anmaßend und bevormundend; ihre Einschätzung unserer Arbeit wird nach Meinung dieser Mehrheit dem Wert unseres Blattes nicht gerecht. Wir hatten euch auf eure Bitte hin nach der ersten Beiratssitzung entsprechende Stiftungsmaterialien zugesandt. Bereits auf unserer nächsten Sitzung im Frühsommer, vor allem aber am 17. November hätten wir darüber reden müssen.
Die Redaktion unserer Zeitschrift hat mit großer Mehrheit beschlossen, sich auch in dieser schwierigen Situation weder von unserem bewährten Autor Thomas Moser noch von unserem angestellten Redakteur Erhard Weinholz zu distanzieren.
Wir bitten euch darum, uns auch weiterhin zu unterstützen.
Mit der Redaktion von Publik Forum haben wir uns in Verbindung gesetzt. Es wird dort zu Anfang des nächsten Jahres eine ausführlichere Vorstellung unserer Zeitschrift geben, die wir mit einer Darlegung unserer Position verbinden werden.
Im Auftrag der Redaktion Dirk Moldt

Anhang 6: Schreiben des Beirats der Zeitschrift HuG an die Stiftung Aufarbeitung (Austrittserklärung)

Erklärung

2006 konstituierte sich bei der Redaktion von „Horch und Guck“ ein Beirat, der z.Zt. aus sieben aktiven Mitgliedern besteht. Die Einrichtung dieses Beirates wurde vom „Bürgerkomitee 15. Januar“, dem Trägerverein der Zeitschrift, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Aufarbeitung beschlossen. Die Mitglieder wurden von der Redaktion berufen. Ein Beiratsmitglied wurde von der Stiftung Aufarbeitung vorgeschlagen und ebenfalls vom Bürgerkomitee berufen.

„Horch und Guck“ ist eine von uns geschätzte Zeitschrift, die sich mit historischen Arbeiten zum MfS, zur DDR-Opposition und verwandten Themen profiliert hat. Leider steht die Zeitschrift nur einem beschränkten Leserkreis zur Verfügung. Nur sehr wenige Bibliotheken haben sie aufgenommen. Ein Beirat erschien sinnvoll, um der Zeitschrift bei ihrer weiteren Entwicklung zu helfen, sie zu unterstützen und vor allem neue Leserkreise zu erschließen.
Von Beginn der Mitarbeit an hatten wir den Eindruck, dass nicht alle Redaktionsmitglieder den Beirat wollten. Das Klima war teilweise ablehnend. Allmählich wurde uns klar, dass der Beirat als Zwangseinrichtung angesehen wurde, der lediglich auf Anraten der Stiftung hin installiert worden sei. Das machte ein gemeinsames Arbeiten und Nachdenken bereits früh problematisch.

Auf der vergangenen Beiratssitzung am 17. November 2006 wurde ein Artikel aus der Zeitschrift „Publik-Forum“ bekannt, der sich gegen die Stiftung Aufarbeitung, den Beirat und eines seiner Mitglieder richtete und zudem mit Informationen versehen war, die aus einer vertraulichen Beiratssitzung stammten und verfremdet wurden. Der Stiftung wurde „Kontrolle“ vorgeworfen. Mehrere Beiratsmitglieder protestierten gegen diese Vorgehensweise und bezeichneten sie als Vertrauensbruch. Da zudem der Beitrag den Eindruck vermitteln konnte, es handle sich um einen der Redaktion bekannten Text – die Redaktion erhielt überdies ein explizit als solches gekennzeichnetes „Belegexemplar“ –, baten wir die Redaktion um eine öffentliche Erklärung. In dieser Erklärung, die gleichzeitig dem Beirat, der Zeitschrift „Publik-Forum“ und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
übergeben werden sollte, sollte mitgeteilt werden, dass der Beitrag aus „Publik-Forum“ über die Zeitschrift H&G nicht die Ansicht der Redaktion vertrete.

Am 29. November 2006 erhielten die Beiratsmitglieder eine Stellungnahme der Redaktion, in der es heißt: „…die große Mehrheit der Redaktionsmitglieder empfindet die Vorgehensweise der Stiftung Aufarbeitung, wie sie insbesondere im Stiftungsbescheid vom Dezember 2005 zum Ausdruck kam, als anmaßend und bevormundend; ihre Einschätzung unserer Arbeit wird nach Meinung dieser Mehrheit dem Wert unseres Blattes nicht gerecht.“ Außerdem war zu lesen, dass man sich weder von dem Autor des „Publik-Forum“-Beitrages noch vom angestellten Redakteur, der die vertraulichen Informationen weitergab, distanzieren
würde. Mit dieser Erklärung hat die Redaktion ihre Missachtung gegenüber dem Beirat und der Stiftung Aufarbeitung dokumentiert. Bei uns hat sich der Eindruck verstärkt, dass die Redaktion den Beirat instrumentalisieren möchte, um mit seiner Hilfe die Auseinandersetzung mit der Stiftung Aufarbeitung zu führen und die Stiftung politisch zu skandalisieren.

Die Redaktion beansprucht zudem völlig unangebracht eine authentische Vertreterin der DDR-Bürgerbewegung zu sein und damit das Blatt als eine politische Kampfschrift zu legitimieren. Für uns war der Beirat eine Chance, eine ungute Entwicklung von H&G aufzuhalten und der Zeitschrift ein besseres aufarbeitungspolitisches und wissenschaftliches Profil zu geben. Diese Chance wird leider durch die Redaktion vertan. Wir legen unsere Mitgliedschaft im Beirat der Zeitschrift „Horch und Guck“ nieder. Wir können keine
Zeitschrift unterstützen, die unsere Mitarbeit nicht will, die resistent gegen Beratung ist, die sich politisch einseitig ausrichtet und die ihre Förderer und Geldgeber, wie die Stiftung Aufarbeitung, als feindlich definiert und dabei mit Unterstellungen arbeitet.

Wir stehen der Stiftung Aufarbeitung für Gespräche in dieser Angelegenheit zur Verfügung.

Berlin, den 1. Dezember 2006

Edda Ahrberg Dr. Hans-Georg Golz Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk Dr. Ehrhart Neubert Tobias Hollitzer

Anhang 7: Der Vorstand des Bürgerkomitees 15. Januar an die Stiftung Aufarbeitung aus Anlass des Austritts von fünf Mitgliedern des Beirats von HuG

Erklärung des Vorstandes des Bürgerkomitees „15. Januar“
der Vorstand des Bürgerkomitees ist über den Austritt der Mehrheit der Mitglieder des Beirates von „Horch & Guck“ durch eine e-mail in Kenntnis gesetzt worden.
Durch diesen einseitigen Schritt ist ein Diskussionsprozess abgebrochen worden, ehe er richtig begonnen hatte. Die gute und richtige Idee, die Tätigkeit der Redaktion künftig durch einen Beirat begleiten zu lassen, ist damit vorläufig gescheitert.
Die Austrittserklärung enthält eine Reihe von inhaltlichen Vorwürfen, die der Vorstand des Bürgerkomitees nicht nachvollziehen kann. Gerade die Formulierung, die Zeitschrift wolle sich als „politischen Kampfschrift“ legitimieren spricht dafür, dass ein Teil der Beiratsmitglieder eine grundsätzlich andere Ausrichtung der Zeitschrift befürwortet. Auch die Unterstellung, der „politischen Einseitigkeit“ macht dies deutlich, zumal die angebliche Einseitigkeit nicht einmal definiert, geschweige denn belegt wird.
Nach Ansicht des Vorstandes kam in „Horch & Guck“ bisher ein politisch sehr breites Spektrum zu Worte. Übrigens haben die meisten Beiratsmitglieder selbst in der Zeitschrift publiziert, ohne dass sie dadurch zu einer „politischen Kampfschrift“ wurde.
Der Vorstand will auch weiterhin am Prinzip der redaktionellen Unabhängigkeit festhalten. Nur so war es möglich, mehrere Jahre lang eine interessante und niveauvolle Zeitschrift zu gestalten.
Wir bedauern es sehr, unsere Arbeit künftig ohne den Beirat fortsetzen zu müssen. Für konstruktive und sachliche Gespräche über die Zukunft der Zeitschrift stehen wir jederzeit und jedermann zur Verfügung.
Berlin 6. Dezember 2006

Anhang 8: Protokoll der gemeinsamen Sitzung des Vorstands des Bürgerkomitees 15. Januar und der Redaktion HuG am 16. Dezember 2006

Vorstands- und Redaktionssitzung 19. Dezember 2006
Anwesend: Elena Demke (R.)., Dirk Moldt (V. + R.), Werner Kiontke (R.), Steph Konopatzky (R.), Marie-Luise Rohde (V.), Erhard Weinholz (R.), Stefan Wolle (V.).

Umgang mit der jetzigen Situation/ Öffentlichkeitsarbeit

1) Widerspruch einlegen: Zumindest, um eine genauere Benennung der Ablehnungsbegründung zu verlangen. Termin: spätestens 11. Januar, verantwortlich: Molti (in Zusammenarbeit mit Elena).

Außerdem will Stefan Mitte Januar Frau Kaminsky um ein Gespräch bitten, ebenfalls, um Genaueres über diese Gründe zu erfahren.
2) Beilage zu Heft 4 mit Info an die Leserinnen und Leser und Spendenaufruf – Entwurf von Erhard, der noch leicht zu verändern/zu ergänzen, wurde angenommen. Hauptteil davon kann gegebenenfalls auch als Presseerklärung genutzt werden.
3) Öffentlicher Unterstützungsaufruf – legt Stefan vor Weihnachten vor, Versand/Sammlung über Molti, soll am 15. Januar an die Presse gehen.
4) Berliner Zeitung – Andreas Förster ansprechen: übernimmt Steph im Januar
5) Publik-Forum – zu Beginn des nächsten Jahres noch einmal mit der Redakteurin Bettina Roeder in Verbindung setzen: Erhard.
6) Leserinnen- und Leserkonferenz: Anmeldung Raum HdD 7. oder 8. Februar durch Erhard. Podiumsdiskussion: Moderation soll Elena übernehmen. Jemand von der Stiftung soll ins Podium: Verantw. noch ungeklärt. Presse benachrichtigen: Verantw. noch ungeklärt.

Redaktion

1) 2007 zwei Hefte zu je 76 Seiten bei einer Auflage von 500 Heften.
2) Heftredaktion: Hauptthema Heft 1 (Versand Ende Mai) „20 Jahre Friedenswerkstatt“, Hauptthema: Hilli (?) – durch Molti noch zu klären, Honorar: höchstens 100 Euro Unkostenerstattung. Themen, Schauplätze, Feuilleton: Molti. Rezensionen: Elena oder Erhard.
Layout: wird von Werner doch nicht übernommen, Christine Dreßler ansprechen – verantw.: Erhard. Honorar: max. 250 Euro.
Koordination, d.h. Gesamtverantwortung im 1. Halbjahr 2007: Molti
3) Webseite: Uwe hat sich verpflichtet, bis Ende Januar 2007 H. 55 und 56 einzustellen. Ab 2007 mehr Texte auf die Webseite stellen.

Finanzielles

1) Vorschlag Erhard, Preis des Einzelheftes ab 1.1.07 auf 6 Euro, der Abos auf 20/25/30 Euro zu erhöhen, wurde abgelehnt – erst ab 2008.
2) Vorschlag Marie-Luise: Inserate, z.B. von Verlagen. Verantw.: nicht geklärt
3) Einsetzung mindestens zweier neuer Zeichnungsberechtigter. Hierfür zunächst Nachholen der versäumten Einträge ins Register beim Amtsgericht Charlottenburg nötig. Zudem bei der Bank durch einen jetzigen Zeichnungsberechtigten zu erfragen, was ihnen sonst noch an Unterlagen fehlt (ich habe in Erinnerung, daß es einiges war), das Fehlende wäre aus unseren Akten zu entnehmen.
Verantwortlich: Werner Termin: ??
4) Abrechnung für die Steuer: Uwe will mit N. N. (Steuerberater) Voraussetzungen klären, daß wir 2007 keine MWSt. mehr abführen. Termin: ??
5) Telefone im Büro – sollen beibehalten und vom Verein bezahlt werden. Neue Lösung, daß wir nur noch ca. 30 Euro im Monat zaheln. Verantw. Steph (ab Februar)
2009: Sollte man drei Hefte anpeilen, bei nochmaliger Preiserhöhung. Da der Effekt erst allmählich eintritt, ist auch für dieses Jahr mit einem Manko zu rechnen, das aber schwer abzuschätzen. Noch weiter will ich mal nicht planen.

Vertrieb:

1) Versand der Probehefte und bestellten Einzelexemplare: Verantw. Erhard.
2) Unter verschiedenen Namen laufende Freiabos mit Ausnahme der für die Vereinsmitglieder und für taz-Zeitschriftenschau (Cammann) streichen – ist auch in der red. Beilage anzukündigen. Verantw. koord. Redakteur (Molti)
/Protokoll: Erhard Weinholz/

Anhang 9: Beilage zu Heft 4/2006

Berlin, 28. Dezember 2006

Liebe Leserinnen und Leser,

der Vorstand der Stiftung Aufarbeitung hat unseren Finanzierungsantrag für 2007 mit der Begründung abgelehnt, „Horch und Guck“ habe seit Jahren schon „zunehmend an Qualität, Themenvielfalt, Pluralität, Relevanz und Verbreitung“ verloren. Man habe, um dem entgegenzuwirken, die Förderung für 2006 mit der Einrichtung eines Redaktionsbeirates verknüpft. Doch nachdem fünf seiner sieben Mitglieder ihr Mandat niedergelegt hätten, da es sich als unmöglich erwiesen habe, mit uns im Sinne dieser Ziele zusammenzuarbeiten, sei eine Förderung nicht mehr zu rechtfertigen. Konkretisiert hat die Stiftung ihre Kritik, die sie zum Teil schon im Zusammenhang mit der Förderung für 2006 geäußert hatte, jedoch nicht, weder damals noch heute.
Tatsächlich hat sich „Horch und Guck“ gerade in den letzten Jahren als ein auch seitens der Wissenschaft beachtetes Forum der Beschäftigung vor allem mit der DDR-Oppositions- und -Repressionsgeschichte und ihrer Aufarbeitung erweisen. Dafür spricht nicht zuletzt die im Jahre 2006 deutlich gestiegene Abonnentenzahl.
Versuchen der Stiftung Aufarbeitung, uns zu bevormunden, haben wir uns allerdings immer widersetzt. Ein im Sommer dieses Jahres in der Zeitschrift „Publik-Forum“ erschienener Text, der solche Versuche öffentlich gemacht hat, wurde auch zum Auslöser des Konflikts mit der Beiratsmehrheit. Nachdem wir ihre Aufforderung abgelehnt hatten, uns von diesem Text zu distanzieren, kam es zum Bruch.
Die Redaktion unseres Blattes ist gewillt, ihre Arbeit auch unter den neuen, erheblich erschwerten Bedingungen fortzusetzen. Unterstützt wird sie dabei vom Vorstand des Bürgerkomitees 15. Januar, also des Herausgebers. In der Tradition der Bürgerbewegung vom Herbst 1989 wollen wir uns weiterhin mit den Eigenarten, Voraussetzungen und Folgen der freiheits- und demokratiefeindlichen Verhältnisse in der DDR, aber auch mit jenen Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzen, die wir als problematisch ansehen.
Aus finanziellen und personellen Gründen werden wir im Jahr 2007 nur zwei Hefte herausgeben können. Doch auch dazu brauchen wir Ihre/eure Unterstützung, etwa bei unserem Bemühen, die Vorgehensweise der Stiftung öffentlich zu machen, bei unseren Anstrengungen um größere Verbreitung unserer Zeitschrift, insbesondere aber durch (steuerlich absetzbare) Spenden auf das Konto des Bürgerkomitees 15. Januar e. V.:
/… /
Die Bezieher von Frei- und Werbe-Abonnements können wir (mit Ausnahme der Mitglieder des Bürgerkomitees) leider nicht mehr beliefern. Es würde uns freuen, wenn sich die Betreffenden zumindest zu einem ermäßigten Abonnement entschließen würden. Da es keinen angestellten Redakteur mehr gibt, sind wir telefonisch nur noch selten zu erreichen – nach wie vor aber per e-mail und auf dem Postweg.
Im ersten Quartal 2007 wollen wir auf einer Leserinnen- und Leserkonferenz über die Probleme und Perspektiven von „Horch und Guck“ debattieren. Eine ausführliche Darstellung des Konflikts mit der Stiftung Aufarbeitung und einem Teil des Redaktionsbeirates ist für Heft 2/2007 geplant.
Im Auftrag der Redaktion:
Erhard Weinholz.

Anhang 10: Rezension der Nr. 58 (2/2007), gedacht für das Deutschland-Archiv, jedoch dort nicht erschienen.

Erhard Weinholz: Kontinuität und Erneuerung? Zur ersten Nummer der neuen „Horch und Guck“
Um die historisch-literarische Zeitschrift „Horch und Guck“ („HuG“) ist in den letzten beiden Jahren intensiv gestritten worden. Auch wenn dieser Streit stark personalisiert war, wenn viele der an die Adresse der Redaktion gerichteten Vorwürfe vage blieben, andere unzutreffend oder gar abstrus waren, er betraf Grundprobleme der Aufarbeitung von DDR-Geschichte. Es ging dabei um die Frage, ob und wie sich diese Aufarbeitung mit der Kritik an bundesdeutschen Verhältnissen verbinden könne und vor allem, was davon sich in einer von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderten Zeitschrift wie „HuG“ widerspiegeln dürfe. Und es ging, ohne daß dies ausdrücklich gesagt wurde, um die Rolle der bürgerbewegten Linken in dieser Aufarbeitung. Der Streit war somit stärker noch politischer Natur und auf eine breitere Praxis bezogen als etwa der um das Papier der sog. Sabrow-Kommission, der vor allem dem Charakter des DDR-Systems und daraus zu ziehenden Folgerungen für die Darstellung und Vermittlung von Geschichte galt.
Die bis zum Sommer 2007 tätige Redaktion sah sich in der Tradition der Bürgerbewegung vom Herbst 1989. Sie thematisierte daher nicht nur die Geschichte von Opposition und Repression in der DDR und die Schwierigkeiten ihrer Aufarbeitung, sondern setzte sich auch mit Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft auseinander. Ihren Niederschlag fand diese Orientierung in den letzten Jahren u.a. in der Dokumentation einer pazifistischen Briefmarkenaktion des Martin-Luther-King-Zentrums Werdau und in Texten über die Bürgerinitiative Freie Heide, über BND-Skandale und zum Thema „Hartz IV und Denunziation“. Keine System-, aber immerhin eine Symptomkritik, die allerdings nicht einmal fünf Prozent des Gesamtumfangs der Zeitschrift beanspruchte. Dem entsprechend kamen in „HuG“ auch immer wieder Vertreter der bürgerbewegten Linken zu Wort. Welche Gründe für die Stiftung Aufarbeitung ausschlaggebend waren, als sie im Dezember 2006 die weitere Förderung von „HuG“ ablehnte, kann man nur mutmaßen, denn sie hat dabei nicht inhaltlich argumentiert. Doch hatte sie früher schon eine angebliche politische Einseitigkeit und den Abdruck „politischer Aufrufe oder Polemiken“ bemängelt, die für eine Zeitschrift dieser Art eher untypisch seien. Bei der Mehrheit des 2006 geschaffenen Redaktionsbeirats fand die genannte Orientierung eindeutig keinen Beifall: Kapitalismuskritik, das müsse doch nicht sein, hieß es auf einem Treffen im Frühsommer 2007.

Einige Zeit nach der Ablehnung des Förderantrags für 2007 wurde ein neuer Vorstand des Trägervereins gewählt, der der ehrenamtlich tätigen Redaktion per Neuausschreibung der Stellen ab Heft 58 (2/07) das Vertrauen aufkündigte. Mit diesem Ende November erschienenen Heft hat die neue Redaktion, der nur ein Mitglied der alten noch angehört, eine erste Arbeitsprobe vorgelegt. Ob sich darin eher ihr Wollen und Können widerspiegelt oder ihr Bestreben, den Vorstellungen der Stiftung gerecht zu werden und sich so als erneut förderungswürdig zu empfehlen, sei dahingestellt. Von ihr wieder gefördert zu werden ist auf alle Fälle ein erklärtes Ziel von Vorstand und Redaktion. Schon im Frühjahr 2007 hatte es der Trägerverein daher abgelehnt, Heft 2/07 dem Thema „Wie politisch ist die DDR-Geschichtsschreibung?“ zu widmen: Man hätte sich in diesem Rahmen ja, so war zu hören, u.a. kritisch mit der Arbeit der Stiftung Aufarbeitung befassen müssen.
Daß die jetzige Redaktion angesichts der bisherigen Entwicklung mit ihrem ersten Heft Signalwirkung beabsichtigt, liegt wohl auf der Hand. Es erscheint mir daher plausibel zu vermuten, daß die darin zu Tage tretenden Tendenzen als beispielhaft für das Profil der neuen, nunmehr als „Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der SED-Diktatur“ firmierenden „HuG“ gelten können. Nebenbei gefragt: Kann Aufarbeitung denn anders als kritisch sein?

Glanzpapier, Farbdruck, Blockbindung, die neue „HuG“ kommt erheblich opulenter einher als die alte. Die Aufmachung suggeriert Professionalität; Professionalisierung hatte seinerzeit die Stiftung von der Redaktion verlangt, professionell wolle man jetzt arbeiten, äußerte Redaktionsmitglied Johannes Beleites im „ND“ vom 6. Dezember 2007. Das neue Layout, heißt es im einleitenden Satz des Editorials von Heft 58, sei das „sichtbarste Zeichen“ einer Entwicklung. Insgesamt ist dem Editorial jedoch nicht viel über die Veränderungen des Blattes zu entnehmen: Man knüpfe an Bewährtes an, es gebe nach wie vor ein Hauptthema und eine Rubrik für andere relevante Themen, dazu als Neuerung die „Lebensläufe“ sowie „Aktuell und kontrovers“. Die Erhöhung des Einzelpreises auf 5,90 Euro, heißt es noch, habe mit der Umstellung auf Farbdruck nichts zu tun. Ja, womit denn? Das Editorial ist weniger durch seinen Inhalt interessant als durch das, was ungesagt bleibt. „HuG“ hatte einen Literaturteil. Warum hat man ihn gestrichen? Warum wurde die Rubrik „Schauplätze“ durch eine andere ersetzt? Und was ist mit den witzigen „Fundstücken“? Nicht mehr Dokumentenfaksimiles sind jetzt unter dieser Überschrift zu finden, sondern nur noch graphisch aufbereitete Meldungen. Zu hoffen ist auf Nachfragen aus der Leserschaft.
Das Hauptthema, „1968 und die DDR“, umfaßt mit 38 Seiten fast die Hälfte des Heftes. Bei Publikationen zum damaligen Geschehen im Westen spielen die dortigen 68er noch immer eine wichtige Rolle, oft genug dominieren sie die Debatten geradezu. Unter den Autorinnen und Autoren der zehn Beiträge zu „1968 und die DDR“ sind DDR-68er allem Anschein nicht vertreten. Warum, wäre wohl einer Erklärung wert gewesen. Zwei der Beiträge, Richard Wagners „Die Stunde des Nationalkommunismus in Rumänien“ und Roland Hofwilers „Jugoslawien. Die vergessene Bewegung“ gehören auch gar nicht in diese Rubrik. Von den restlichen acht Texten sind Christian Kurzwegs Arbeit über die SED und den Prager Frühling im Bezirk Leipzig sowie in gewissem Maße auch Ilona Scherms biographische Interviews an der deutsch-tschechischen Grenze und Mareike Witkowskis Analyse der Berichterstattung über die westdeutsche Studentenbewegung in der Presse der DDR verdienstvolle Untersuchungen das Thema betreffender Einzelaspekte.
Doch die Jahreszahl 1968 steht, wie kaum eine andere des vergangenen Jahrhunderts, für mehr als nur die Ereignisse im Laufe von 365 Tagen; sie steht für längerfristig wirkende gesellschaftliche Strömungen und Bewegungen, für gesellschaftlichen Wandel. Wenn „HuG“ beansprucht, eine „Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der SED-Diktatur“ zu sein, dann muß, gerade, wenn es um 1968 geht, auch dieser Wandel in den Blick geraten, die mit dem damals herrschenden System einhergehende widersprüchliche Modernisierung. Auch mit ihr, nicht nur mit dem Repressiven des Systems, ist das Phänomen der Ost-68er in Verbindung zu bringen.
Von diesen Dimensionen des Themas ist im Hauptteil jedoch kaum etwas zu erkennen. Unzulänglich ist schon die von Peter Grimm, ebenfalls Mitglied der Redaktion, stammende Einleitung. Statt eben diese Dimensionen kenntlich zu machen, beschränkt er sich darauf, an einige Begebenheiten des Jahres 1968 zu erinnern und dies mit Hinweisen auf die nachfolgenden Texte zu verknüpfen. Doch wenn er, um nur ein Beispiel zu nennen, von den damaligen Änderungen des Strafrechts spricht, hätte er auch erwähnen sollen, daß 1968 der berüchtigte §175 verschwand.
Was es bedeutete, ein DDR-68er zu sein, wird ansatzweise, anhand eines Einzelfalls, in Sabine Sölbecks Text über Thomas Brasch spürbar. Doch weist dieser Text beträchtliche Mängel auf: Die Strukturierung des Inhalts führt zu Wiederholungen, die von der Redaktion hätten getilgt werden müssen, und immer nur auf „Fremd im eigenen Land?“ von Simon/Faktor zu verweisen, wenn es um die 68er Ost geht, reicht keinesfalls. Ilko-Sascha Kowalczuk thematisiert in seinem Beitrag die Reflektion der 68er Vorgänge in der Literatur der DDR und verbindet dies mit Gedanken zu Utopie und Utopieverlust in diesem Lande bis hin zum Herbst 1989. Sein Text überschneidet sich inhaltlich in beträchtlichem Maße mit dem Elke Mehnerts, „Keine Ersatzöffentlichkeit. Die Spuren von Prag 1968 in der DDR-Literatur“, die, weil er sonst wohl zu kurz geraten wäre, auch auf entsprechende Spuren in der Literatur der Bundesrepublik eingeht, während die Widerspiegelung der Ereignisse in der linientreuen DDR-Literatur außer Acht bleibt. Auch hier wäre die Redaktion gefordert gewesen. Jan Faktor schließlich gibt seine – durchaus lesenswerten – Privatmeinungen zu Prag 1968 kund.
Daß die Kernfragen des Hauptthemas ausgeklammert bleiben, ist nur zum Teil mangelndem Verständnis für die Spannbreite der Thematik geschuldet. Immerhin wurde im „Call for paper“ nach Parallelen und Verflechtungen zwischen der antiautoritären Jugendbewegung im Westen, die „einen nachhaltigen politischen, gesellschaftlichen und Wertewandel auslöste“, und dem jugendkulturellen Aufbruch sowie der politischen Liberalisierung im Osten gefragt, nach Ereignissen, die für die Ausprägung der Ost-68er hätten von Bedeutung sein können. Antworten hätten zum Beispiel Mitarbeiter des Potsdamer Zentrums für Zeitgeschichtliche Forschung geben können, die sich seit Jahren schon mit der Geschichte der DDR-Opposition befassen, allerdings nicht angesprochen wurden. Sie gehören der bürgerbewegten Linken an (die im neuen Beirat, dies nebenbei, nicht mehr vertreten ist). Symptomatisch in diesem Zusammenhang ist auch, daß der dieses Jahr erschienene, von Gehrke/Horn herausgegebene Sammelband „1968 und die Arbeiter. Studien zum ‚proletarischen Mai‘ in Europa“ nicht nur nicht besprochen, sondern nicht einmal bei den Neuerscheinungen erwähnt wird.
Es kann nicht Aufgabe einer auf Grundsätzliches zielenden Betrachtung sein, auch auf die thematisch breit gefächerten und zu einem beträchtlichen Teil durchaus interessanten Beiträge zu den anderen Rubriken einzugehen. Nur auf zwei Probleme sei noch verwiesen: In der Rubrik „Schauplätze“ wurden bislang auch aktuelle Entwicklungen der bundesdeutschen Innen- und Sicherheitspolitik analysiert. Die Ermittlungen gegen tatsächliche oder mutmaßliche Mitglieder der „militanten gruppe“ wären in mehr als einer Hinsicht, nicht nur wegen der Nutzung von Stasi-Akten durch die Behörden, ein „HuG“-Thema gewesen, wie es im Buche steht. In „Aktuell und kontrovers“ findet sich hierzu kein Wort. Zum anderen bietet der Rezensionsteil ein als Besprechung eines Sammelbandes deklariertes Pamphlet von Jochen Staadt wider die „Totalitarismustheorietöter“, dessen Abdruck ein schlechtes Licht auf das redaktionelle Verständnis von Debattenkultur wirft; er ist bereits auf (berechtigten, wie ich meine) Widerspruch gestoßen. Egal, wie man zu den vom Autor kritisierten Auffassungen steht, eine solche Arbeit im Rezensionsteil zu bringen zeugt zumindest von mangelnder Professionalität. „HuG“ ist dabei, seinen Ruf als seriöses Medium zu verspielen.
Die neue „HuG“ erscheint erheblich durchgestalteter (oder soll man sagen: durchgestylter?) als bisher. Die neue Titelseite wirkt durch diverse Einblendungen unruhig und illustriertenhaft. Der für den Text gewählte Schrifttyp ist ansprechend, doch ist die Schrift kleiner als bisher; wettgemacht wird das eventuell durch den leicht vergrößerten Zeilenabstand. Die Fußnoten jedenfalls sind kaum noch lesbar. Der Informationsgewinn durch den Farbdruck ist minimal, da der größte Teil der einschlägigen Bilder und Dokumente schwarzweiß ist. Und ob Marianne Birthler bei der Diskussion um die Zukunft ihrer Behörde eine rote oder eine grüne Bluse trägt, ist wohl kaum von Interesse. Mit Farbe lassen sich allerdings auch Textseiten leserfreundlicher gestalten, etwa durch die farbigen Zwischenüberschriften, lassen sich die einzelnen Rubriken voneinander abheben. Vor allem kann man mit Farbe Defizite verdecken. Der Anteil der Illustrationen am Seitenumfang ist in Nummer 58 erheblich geringer als bisher, doch fällt dies auf den ersten Blick kaum auf. Dokumentenfaksimiles werden des öfteren schräg gestellt, die biographische Notiz erscheint in Schreibmaschinenschrift auf einem ebenfalls schräg stehenden Papierblättchen, das einer alten Akte zu entstammen scheint – der Reiz solcher Mittel dürfte sich rasch erschöpfen. Daß mit dem Begriff „Fundstück“ ein kleiner Etikettenschwindel betrieben wird, wurde schon erwähnt; das schön bunte DEWAG-Dia auf der IV. Umschlagseite (Thema: „Schädlingsbekämpfung als Mittel zur Ertragssteigerung“) zeugt von einem Abrutschen ins Beliebige: Ebenso hätte man da den Minol-Pirol oder die für Pflanzenfett werbende Nanett zeigen können.
Ob es der neuen Redaktion gelingt, mit ihrem Konzept andere, erheblich größere Leserkreise zu erreichen, ist fraglich. Auf alle Fälle ist sie dabei, bereits gewonnene zu verprellen: Der Abdruck des Staadt-Textes hatte erste Abbestellungen zur Folge.
Der Autor war von 2001 bis zum Sommer 2007 Mitglied der Redaktion von „HuG“ und 2002 sowie 2005 und 2006 als angestellter Redakteur des Blattes tätig.

/Dezember 2007 bis Januar 2008/

Schreibe einen Kommentar


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.